Erika Sawilla ist keine Augenweide. Sie hat fettiges Haar, unreine Haut und dazu eine freudlose Biographie: Das Flüchtlingsmädchen aus dem Polnischen wanderte "durch mehrere Lager" und hat mit ansehen müssen, wie ihre Mutter interniert und ihr Vater erschlagen wurde. Das ist längst nicht alles, was Leben und Literatur der armen Erika angetan haben. Brigitte Burmeister, Jahrgang 1940, studierte DDR-Bürgerin und Romanistin, hat die Heldin ihrer Erzählung "Mohnkörner", ganz offensichtlich eine ehemalige Klassenkameradin, noch dazu mit Gewöhnlichkeit geschlagen. "Ich weiß, daß ich Erika übelnahm, so völlig glanzlos zu sein . . .", erinnert sich Brigitte Burmeisters Ich-Erzählerin Jahrzehnte später. Das Problem: Burmeister macht Erikas grobe Unbeholfenheit zur enttäuschenden Antithese ihres Opferklischees - ein sogenannter "einfacher Mensch", bemitleidenswert gehemmt im Umgang mit Schrift und Sprache, jedoch weder flehend noch schwach, noch dankbar. Auch diese Antithese ist leider ein Klischee. "Mohnkörner" wurde bereits 1989 veröffentlicht ("Schaufenster. 23 Prosatexte", Verlag der Nation, DDR) und ist nicht gerade der gelungenste Einstand für "Herbstfeste", einen ersten Sammelband mit Erzählungen von Brigitte Burmeister. "Mohnkörner" scheint jenen noch einmal recht zu geben, die die DDR-Literatur gern als moralische Anstalt verstehen, ihre Autoren als sittliche Instanzen, immer wacker und voller Schuldgefühle auf seiten der Außenseiter.

Brigitte Burmeisters Erzählungen arbeiten sich an der Oberfläche durch Kleinteiliges: durch Kindergärten, Schulen, Familien und - natürlich familienähnliche - Nachbarschaften und sozialistische Arbeitskollektive, machen Station bei weinenden Krippenkindern, enttäuschten Schulmädchen und gebrechlichen Alten, wissen von Betrug, plötzlichem Selbstmord, Streit. Diese "Herbstfeste" beabsichtigen es vielleicht nicht, aber sie geben einen halb freudianischen, halb strukturalistischen Kommentar ab zu den Rites de passage beim Wechsel von System zu System. Brigitte Burmeister umzirkelt den Übergang von Welten in andere Welten, der nie so recht gelingen will, mit impressionistischer Vorläufigkeit. Zeit und Zeit werden aneinandergekachelt wie kleine, regelmäßige Vierecke, in denen die Protagonisten einsam der Choreographie ihres Lebens folgen.

Burmeisters Zwischenwelten sind Katakomben, in denen der Engel der Geschichte rückwärts geht und sich gegen den einzelnen kehrt. Einsamkeit erwächst aus dem Fehlen "der anderen Geschichte", die "da und nicht zu haben ist", "wie eingemauert". Das stumme Drama von Auflösung und Übergang wiederum materialisiert sich in der Unfähigkeit zu erzählen, sich wirklich mitzuteilen, "wahrscheinlich, weil uns bewußt war, daß wir . . . keine Geschichten in uns trugen, nur einen unverdauten Klumpen Geschichte". Wohl dem, der da noch den Mund öffnet.

1987 debütierte Brigitte Burmeister mit dem Roman "Anders oder Vom Aufenthalt in der Fremde". Spätestens seit dem Roman "Unter dem Namen Norma" (1993) gehört ihr Name zu den erfreulicheren in der neueren deutschen Literatur.

"Norma" erzählt die Geschichte einer Ostberlinerin, die sich als Stasi-Informantin ausgibt, obwohl sie keine war - als Beweis dafür, daß "die andere Geschichte" nicht zu haben ist. Auch "Herbstfeste" beißt sich an diesem Motiv fest. Die Autorin enthält sich dabei nicht nur quälend folgenloser Befindlichkeitsprosa, sie erspart einem auch die Anmaßungen eines hyperselbstbewußten Schreiber-Ichs.

In Burmeisters Verständnis müssen Autor und Figuren immer wieder Medien ihrer Vergangenheit sein, um die Zeichen ihrer Erinnerungen der Realität einstigen Erlebens zuordnen zu können, zumal Sprachen gesprochen werden, die - "einer besonderen Kategorie von Wirklichkeit angehörten, sichtbar und doch zu nichts mehr führend als einer flüchtigen Vorstellung von ihrem Dasein in einem vor Jahrzehnten aufgelösten Zusammenhang". Die Erzählung "Das Taubstummen-Institut" zeichnet ein Tableau freundlicher Ausflügler auf dem Lande, wie Zombies weder in den verschiedenen Gegenwarten zu Hause noch in der Vergangenheit. Auch die Reisende in dieser Geschichte ist eine Wiedergängerin im Labyrinth der Systeme. In einem Land vor unserer Zeit passiert sie mit dem Dienstvisum in der Tasche den Grenzübergang Friedrichstraße und findet sich Jahre später in der blauschwarzen Grenz-Interzone von "Abendspaziergang" wieder.

Der Irrtum des Betrachters liegt nach Burmeister in seiner Hybris der Geschichte gegenüber: "Die Wegstrecke steht fest. Sie muß nicht entschieden, nur bewältigt werden." Eine Rettungsphantasie - mit solchen Erkenntnissen läßt sich "das Scheitern der schönen Idee" natürlich leichter verschmerzen. Brigitte Burmeisters Geschichten zehren von einem verkapselten "inneren Vorrat" an Inkongruenzen, zielen tief "in die Schicht der Wünsche und ihrer schlafwandlerischen Erfüllung". Sie geben der "Verkommenheit in diesem Land" immerhin ein feines Gesicht.