Wenn es stimmt, daß Tante Jane "ängstlich bemüht war, Gott zu gefallen und bei ihren Mitmenschen keinen Anstoß zu erregen" . . ., daß sie "nie ein leichtfertiges oder strenges Wort" sprach, muß sie die geborene Langweilerin gewesen sein. Und wenn es stimmt, daß die Viktorianer ihre "dear books" wie ein Täßchen Haferschleim vor dem Zubettgehen genossen, können wir uns gleich damit in der Sofaecke schlafen legen. Ihr Werk handele "von überhaupt nichts", klagte ein Kritiker noch 1902.

Doch plötzlich, fast zweihundert Jahre nach ihrem Tod, hören und sehen Millionen Menschen Jane Austen zu und können, wie es scheint, nicht genug bekommen von ihr. Ihre Romane "Stolz und Vorurteil", "Verstand und Gefühl", "Emma" und "Anne Elliot" erleben aus heiterem Himmel eine Renaissance - im Kino wie im Fernsehen. Aus den Filmstudios sei das Knarren der Korsettstangen zu hören und ein unübersetzbares Geräusch, mit dem Brüste in Regency-Kostüme gezwängt würden, erfuhr die Times. Die Oscar-Preisträgerin Emma Thompson, zuletzt als Bloomsbury-Malerin "Carrington" zu sehen, schrieb das mit dem "Golden Globe" ausgezeichnete Drehbuch zu "Sense and Sensibility" (der deutsche Nonsense-Titel: "Sinn und Sinnlichkeit") und spielt die verständige Elinor Dashwood. An ihrer Seite schreitet ein pastoraler Hugh Grant, der Hühner und kurze Predigten halten möchte.

Die BBC-Adaption von "Persuasion" lief im vergangenen Herbst in den USA an. Nicht weniger als drei konkurrierende Verfilmungen von "Emma" entstehen derzeit in Großbritannien: eine TV-Fassung, eine abendfüllende Miramax-Produktion und eine BBC-Serie. Der Roman bildet zudem die ungenannte Folie zu "Clueless", einem Teenie-Film aus den USA.

Das größte Echo aber hatten die sechs Folgen der BBC-Serie "Stolz und Vorurteil" (Regie: Simon Langton), die im Herbst vergangenen Jahres regelmäßig nicht weniger als elf Millionen Zuschauer in Bann schlug und zur Zeit mit Erfolg in den USA läuft. Besorgt diagnostizierte das Satire-Blatt Private Eye eine "Jane-Manie". Um bloß kein Detail zu verpassen, sollen etliche Briten auf dem Weg zum Bildschirm Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit riskiert haben. Nur um zu erleben, wie Mr. Darcy Elizabeth Bennet küßt. - Moment mal! "Hätte Elizabeth ihm in die Augen sehen können . . ." Bei Jane Austen wird viel geredet, nicht immer richtig hingeguckt und gar nicht geküßt. "Liebste!", ein Händedruck, die Hochzeitstorte, Vorhang!

Was also gibt's zu sehen, da man uns im Kino doch sonst nichts vorenthält? Sind Austen-Verfilmungen die trostreiche Kost, wie Emmas Vater sie seinen Gästen empfiehlt, das Hafersüppchen, das kleine weichgekochte Ei, die wir uns nach schweren kinematographischen Kotzbrocken genehmigen? "Mrs. Goddard, wie wäre es mit einem halben Glas Wein? Ein kleines halbes Glas, mit Wasser vermischt? Ich glaube nicht, daß es Ihnen schlecht bekommen würde . . ."

Es kann ja wohl nicht sein, daß wir uns nach Pferdekutschen, ungeheizten Zimmern, Nachttöpfen und Quadrillen zurücksehnen. Oder doch nach Mäßigung, Geduld, Zurückhaltung, Aufrichtigkeit und guten Manieren? Die New York Times sieht da ein Tugend-Revival aufdämmern. Das Glamour-Journal Vanity Fair glaubt, Austen schwinge mit im aktuellen Mantra: Wissen ist Macht. Die englische Presse schreibt ihr eine Rolle zu, die früher die königliche Familie innehatte: klassenübergreifend die Briten zusammenzuschweißen. "Ich freue mich, so viel Gutes zu hören", würde Miss Bates sagen, aber geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

"Jane Austen ist sexuell", sagt Emma Thompson, die fünf Jahre an dem Skript zu "Sense and Sensibility" schrieb, einem Roman, für den Jane Austen die halbe Zeit brauchte. "Und ich mußte das Buch oft vor Lachen hinlegen."