Nirgendwo wird so viel mit falschen, unvollständigen oder nichtssagenden Statistiken argumentiert oder polemisiert wie im Schul- und Bildungsbereich. Ein Paradebeispiel für solche Praktiken war vor kurzem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen. Dort behauptete der Präsident des Industrie- und Handelstages Hans Peter Stihl, die Schulbildung verliere kontinuierlich an Qualität. Er beklagte "dramatische Defizite" der Berufsanfänger vor allem in der Rechtschreibung und beim Rechnen und beschwor in einem Atemzug bedrohliche Konsequenzen für die Wirtschaft. Der psychologische Dienst der BASF weiß es noch genauer. In den vergangenen zwanzig Jahren seien die Rechtschreibleistungen von Hauptschulabsolventen um 25 Prozent und im Rechnen um 23 Prozent gesunken.

Wer anderen vorwirft, nicht richtig rechnen zu können, sollte es selbst besser machen. Die Zahlen nämlich beruhen auf den Ergebnissen der immer gleichen Tests von Berufsanfängern. Weil die Tester jedoch nicht wissen können, welche Stichprobe sie erwischt haben, sagen die Testresultate überhaupt nichts darüber aus, ob die Schulen schlechter und die Schüler dümmer werden. Wenn etwa vor zwanzig Jahren noch fünfzig Prozent aller Schüler zur Hauptschule gingen, so sind es heute allenfalls dreißig, die dann natürlich schlechter abschneiden. Dasselbe gilt für die Realschule und letztlich auch für das Gymnasium, ohne daß darum die Gesamtheit der Schüler schlechter würde. Eine verläßliche Untersuchung über die Schulleistungen und deren tatsächlichen oder vermeintlichen Verfall liegt für Deutschland nicht vor. Der Rest ist Spekulation.

Dabei müsse der Eindruck, daß Jugendliche immer schlechter schreiben und rechnen können, "gar nicht mal richtig falsch sein", meint Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Hier, wo man noch am gründlichsten untersucht, ob sich Schulleistungen verändern, wird vermutet, daß beim Schreiben und Rechnen tatsächlich große Lücken entstehen, weil andere Fächer immer mehr in den Vordergrund des Unterrichts rücken.

Die Berliner haben jedoch unter anderem mit Intelligenztests ermittelt - und wollen dies demnächst in einer Untersuchung dokumentieren -, daß die kognitiven Fähigkeiten zumindest bei den Gymnasiasten ständig zunehmen. Die besseren Intelligenzleistungen schlagen sich etwa im reicheren Wortschatz oder in der Fähigkeit, Analogien zu finden und Zusammenhänge zu erkennen, nieder. Allerdings gilt das nicht für die Fachleistungen; die gehen zurück, und zwar von Fach zu Fach unterschiedlich: am deutlichsten in Mathematik und am wenigsten in Englisch. Der Grund dafür ist - so vermutet man am Max-Planck-Institut - ein veränderter Unterricht durch eine neue Lehrergeneration.

Wenn aber die Schüler immer intelligenter und gleichzeitig in den Einzelfächern immer schlechter werden, dann wird jeder, der heutzutage Schulleistungen messen und bewerten will, gründlich umdenken müssen. Dann steht wieder einmal der bisher ungelöste Grundkonflikt zur Debatte, ob der gegenwärtigen Leistungsentwicklung durch rigoroses Zurück zum Fächerkanon gegengesteuert werden soll oder ob man versuchen sollte, unverzichtbares Schulwissen durch andere Unterrichtsstrukturen und -inhalte zu vermitteln. Mit dieser Frage müssen sich aber nicht nur die Pädagogen und Bildungspolitiker befassen, sondern unter anderen auch die Vertreter der Wirtschaft. Schulschelte allein ist da wenig hilfreich.