Am vergangenen Donnerstag unterschrieb US-Präsident Clinton den Telecommunications Reform Act of 1996. Dieses neue Gesetz befreit nicht nur die regionalen Telephongesellschaften von einigen Beschränkungen, sondern auch die Welt der Computernetze von allen Anstößigkeiten. Jedenfalls dem Papier nach. Bis zu zwei Jahre Haft drohen nun beispielsweise einem Internet-Anbieter, über dessen Datenleitungen sich unreinliche Wörter verbreiten. Aus Protest gegen solchen Zwang zur Zensur trugen ein paar tausend Niederlassungen im World Wide Web zwei Tage lang Trauer: Ihre Hintergrundfarbe wurde auf Schwarz gesetzt.

Hie und da haben Rebellen für die Redefreiheit schon erklärt, daß sie nun absichtlich gegen das neue Gesetz verstoßen würden, um die Sache möglichst schnell vor den Obersten Gerichtshof zu bringen. Es wird auch schon erörtert, ob man nicht am besten massenhaft E-Mails als Kettenbriefe um die Welt schicken sollte, gerammelt voll von jenen sieben Wörtern, die in den USA als schmutzig gelten - auf daß der Zensurwille an sich selber ersticke.

Interessante Zeiten schwanken auf uns zu. Noch kann niemand sagen, worin überhaupt die Anstößigkeit bestehen soll, deren Weiterverbreitung nun unter Strafe steht. Sind das nur die sieben Wörter, die dirty words, die seit Urzeiten unter allen Umständen in Rundfunk und Fernsehen der Vereinigten Staaten nicht vorkommen dürfen? Oder gehören dazu auch andere Anzüglichkeiten? Ist gar die persönliche Kommunikation per E-Mail, sofern Kinder sie lesen könnten, nun sauberzuhalten, wie es der Eifererverband Christian Monitors fordert?

"Ich muß Dir sagen, daß ich wieder ein glücklicher Mann bin, wieder friedlich bin und es herbeisehne, mich mit Dir zu treffen. In Liebe XXOOXX". Dies war in einem elektronischen Briefchen zu lesen, das die amerikanische Hausfrau Diane Goydan über den Netzdienst America Online erhielt. Anstoß erregte die Nachricht nur bei dem Ehemann, der sie zufällig ebenfalls zu lesen bekam. Der Absender: ein Unbekannter, der sich Wiesel nannte. Wenig später reichte John Goydan die Scheidungsklage ein. Hat er Erfolg, so wäre das die erste Scheidung, zu der es ausdrücklich wegen einer Online-Affäre kommt. Bislang waren die Computernetze eher für das Gegenteil bekannt. Hunderte von Paaren hatten im bunten Treiben von Digitalien ihre Heirat angebahnt.

Daß das Wiesel und seine Angebetete in Wirklichkeit ein paar hundert Meilen voneinander entfernt leben, tat ihrer Nähe im Netz keinen Abbruch. Wie sich herausstellte, hatte sich der leidenschaftliche Schriftverkehr zwischen den beiden über mehrere Monate erstreckt; ein kleiner Beitrag zum Wortgeplänkel einsamer Seelen, wie es millionenfach die Plauderforen aller Online-Dienste füllt.

Diane Goydan hat nun eine Gegenklage erhoben, die brisante Fragen aufwirft. Sie sieht ihre Privatsphäre verletzt. Im Gefecht der Anwälte war zum Vorschein gekommen, daß ihr Mann nach dem ersten Vorfall unbemerkt all ihre elektronische Korrespondenz überwacht hatte, um an kompromittierendes Material zu kommen.

Schon sind auch eifrige Helfer zur Stelle: James Bond & Associates nennt sich eine neue Agentur, die alle Mittel der Online-Recherche aufzubieten verspricht, wenn es etwa gilt, digitalen Ehebruch zu belegen. Die Detektei ist über eine fesche Niederlassung im World Wide Web (http://www.ccnet.com/jbond) zu erreichen. Auch diese trug übrigens letzte Woche Trauer.