STUTTGART. - Im Oktober donnerte es. Der Blitz schlug jetzt ein. Dies zeitversetzte Gewitter entlud sich kürzlich auf der Sitzung des Rundfunkrates im Süddeutschen Rundfunk (SDR), jenes Aufsichtsorgans, das über die Programmvielfalt und die Ausgewogenheit des Senders wachen soll. Ein "Unglaublich" entfuhr dem SDR-Intendanten Hermann Fünfgeld, und der Fernsehdirektor Hans Heiner Boelte schimpfte: "Völlig mißglückt." Der Chef und sein Sekundant, beide dem christlich-demokratischen Lager zuzurechnen, sahen zum ersten Mal einen im Oktober vergangenen Jahres in ihrem Programm gezeigten Film über den Bundesparteitag der CDU in Mannheim. Da hatte sich der Fernsehjournalist Claus Kober über das von McDonald's gesponserte Parteitagsfutter lustig gemacht. Er filmte dicke Bäuche und der Delegierten Plastikmüll. Die "Ranzenparade" war unbeanstandet ins Programm genommen worden.

Der Beitrag hatte Langzeitwirkung. Otto Hauser, Sprecher der baden-württembergischen CDU-Bundestagsabgeordneten, lief seit Wochen aufgeregt hinter jedem Rundfunkratsmitglied seiner Partei her mit der Forderung, den Film, wann und wo immer, heftig zu geißeln. Im ehemaligen Stuttgarter Sportbürgermeister Rolf Thieringer fand er schließlich denjenigen, der jetzt den Beitrag als Beweis für die "tendenziöse" Berichterstattung des SDR noch einmal vorführen ließ. Um so größer war die Empörung der Rundfunkräte, als sie anschließend einen Film über den Bundesparteitag der SPD zu sehen bekamen, der keinerlei ironische, nur sachliche Töne kannte. Paßte das doch zu der These des CDU-Fraktionschefs im Landtag, Günther Oettinger, die ARD sei "SPD-verseucht".

Der späte Zorn des Gremiums traf daraufhin die gesamte politische Redaktion des SDR. Bis auf weiteres, so verfügte Fernsehdirektor Boelte in Absprache mit dem Intendanten, sollten die Themenkonferenzen der politischen Redaktionen vom Hauptabteilungsleiter überwacht werden. Der Autor des Beitrags und die verantwortlichen Redakteure wurden zum Rapport bestellt.

Die Maßregelung hat in den Redaktionen des Senders stille Wut ausgelöst. Seitdem die CDU in einem Handstreich die absolute Kontrolle über den Sender übernommen hat, war befürchtet worden, daß kritische und bisweilen freche Redakteure diszipliniert würden. In einem gut vorbereiteten Coup im Sommer vergangenen Jahres hatte sich die CDU sieben von insgesamt neun Posten im Verwaltungsrat des Senders gesichert, der in allen wichtigen Organisations- und Personalfragen die Entscheidungen trifft.

Der Deutsche Journalistenverband sieht denn auch im jetzigen Verhalten des SDR-Intendanten ein "Kuschen vor dem Parteieinfluß" - ein Vorwurf, der neue Nahrung erhielt, als kurz nach dem Eklat den Fernsehzuschauern des Wochenmagazins "Politik Südwest" ein völlig veralteter Film über einen Besuch von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) bei der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald zugemutet wurde. Präsident der Kammer ist Gerhard Häussler. Häussler ist Rundfunkrat und CDU-Mitglied.

Nicht weniger bemerkenswert waren Vorhaltungen des Ministerpräsidenten gegenüber einem SDR-Journalisten während des Neujahrsempfangs der Landesregierung. Er werde vom Sender "ausgegrenzt", warf Wahlkämpfer Teufel dem Redakteur vor und orakelte: Die Wahlen im März werde er aber auch ohne den SDR gewinnen. In dieser Haltung ähnelt Teufel durchaus seinem Vorgänger Lothar Späth, der sich noch heute als Opfer der Medien sieht. Die Berichte im Südwestfunk über seine von der Industrie gesponserten Reisen hätten ihn schließlich zum Rücktritt gezwungen, glaubt er.

Während die Zeitungen in Baden-Württemberg die neuerliche Sender-Posse genüßlich verbreiteten, blieb es im Funkhaus still. Nur kryptische Auskünfte erteilte der geschuriegelte Ressortleiter der Landesschau, Wolf Trippel, auf die Frage nach den Folgen der Einflußnahme: "Ich äußere mich nicht zu meinen Oberen, auch wenn sie sich über uns äußern. Ich will der bessere Mensch bleiben."