Glanz und Gloria der Straßenkreuzer-Ära sind längst verflossen. Die Prachtstücke aus Lack und Stahl, mit raketengleichen Heckflossen und kuhäugigen Frontleuchten, mit Speichenrädern und Weißmantelreifen parken nun wohlbehütet unter diversen Dächern. In den fruchtbaren, flachen Farmlanden zwischen den großen Seen gediehen die großen Marken der amerikanischen Automobilindustrie: Studebaker, Duesenberg, Ford, Dodge, Pontiac, Chrysler, Cadillac, Chevrolet, Olds, Cord, Packard, Lincoln, Buick und andere mehr. Einige Fabrikate sind längst aus den Verkaufsräumen verschwunden; Depression, Ölkrise, Rezession und freie Marktwirtschaft haben der Automobilbranche über die Jahre arg zugesetzt. Jedoch produzieren die "Big Three" aus Detroit - Ford, General Motors, Chrysler - noch immer über dreißig Prozent der weltweit verkauften Autos.

Gleich östlich von Chicago, in South Bend, hatten einst die Studebaker-Brüder als Schmiede mit der Kutschenproduktion begonnen. Sie stiegen auf Kraftwagen um und errichteten 1910 in ihrem Heimatort eine der modernsten und größten Automobilfabriken. Während des Ersten Weltkriegs sorgte der Kriegsbedarf für den nötigen Anschub. In den Zwanzigern stand South Bend kurz davor, Detroit als Autometropole zu überrunden. Studebaker bedeutete damals Wirtschaftlichkeit, Verläßlichkeit, ausgefeilte Technik sowie interessantes Styling. Raymond Loewy, Stromlinien-Papst und maßgeblicher Industriedesigner der USA, schuf in den vierziger und fünfziger Jahren den unverwechselbaren Studebaker-Look. Doch fehlte nach dem Zweiten Weltkrieg die Finanzkraft, um sich auf dem Markt durchzusetzen. Auch der 1963 von Loewy entworfene Avanti konnte den Karren nicht mehr aus dem Dreck ziehen. 1966 meldete die Firma Studebaker Konkurs an. Das aus Handwerkerzeiten stammende Motto der Brüder "Always give more than you promise" hatte sich in der Überflußgesellschaft nicht bewährt.

Heute ist South Bend ein verschlafenes Städtchen. Das Zentrum liegt verwaist. Das ehemalige Studebaker-Areal mit seinen weiten Fabrikgebäuden ist verlassen, die Fensterscheiben sind zerbrochen: Niemand kümmert sich weiter um die unersetzlichen Monumente amerikanischer Industriegeschichte. "Es fehlt einfach das Geld", meint Ron Radecki, Direktor des Studebaker National Museum, das zu retten versucht, was noch zu retten ist. Direkt an der Main Street steht das Ausstellungsgebäude, das eine beachtliche Sammlung von Studebaker-Modellen aus der 141jährigen Firmengeschichte beherbergt. Museum und das angeschlossene Archiv funktionieren nur dank der freiwilligen Arbeit ehemaliger Studebaker-Angestellter.

Da stehen sie nun, Studebaker-Modelle wie der Champion, der Hawk, Avanti oder Commander - Klassiker, Meilensteine der Automobilgeschichte, die ihrer Zeit zum Teil voraus waren, und lassen sich in ihrem Sonntagskleid aus poliertem Lack bewundern. Vor den Museumstoren herrschen gnadenlos die Neunziger. Der Information Highway führt noch nicht nach South Bend.

Südlich von Detroit, an der Interstate 69, steht eine weitere automobile Ruhmeshalle: das Auburn-Cord-Duesenberg-Museum. In der Kleinstadt Auburn hatten sich die Gebrüder Duesenberg niedergelassen, Söhne eines deutschen Einwanderers aus Lippe. Nach mehreren Pleiten wurde das Duesenberg-Unternehmen 1926 von Erret Lobban Cord übernommen. 1928 kam das fast unglaubliche Modell J auf den Markt, gebaut, um jeden anderen Wagen zu übertreffen: schneller, langlebiger, kräftiger . . . Ein Denkmal automobilistischer Selbstvergötterung. 480 Modelle wurden handgefertigt, jedes seinem wohlhabenden Käufer individuell angepaßt. Clark Gable fuhr einen Duesenberg, Gary Cooper, Howard Hughes, der König von Spanien auch. Die letzte Prunkkarosse ging an Maharadscha Holkar von Indore. Bis heute sind etwa 280 Exemplare dieser Modellreihe erhalten, und einige Exemplare der Pkw-Legende stehen im früheren Art-déco-Verwaltungsgebäude der Auburn Automobile Company zur Schau.

E. L. Cord gab einer Modellreihe seinen eigenen Namen, dem Cord 810, der 1936 vom Band lief. Das Museum of Modern Art in New York kürte den Wagen zu einem der zehn Meisterwerke modernen Industriedesigns. Der Wagen selbst entsprach zwar genau Cords Unternehmensphilosophie "If you can't be big, you have to be different", doch das half dem ehemaligen Gebrauchtwagenhändler wenig, dessen Autoimperium 1937 während der Wirtschaftskrise zusammenbrach. Die Erinnerung an die zwanziger und dreißiger Jahre, an den Glamour der Filmstars und Gangster wird in dieser kleinen Stadt in Indiana durchaus lebendig.

Gut 110 Meilen nördlich von Auburn hatte R. E. Olds sein Imperium errichtet. In Lansing rollten die nach ihm benannten Oldsmobile vom Fließband. Die zweitälteste Automarke der USA hatte 1903 als erste - noch vor Ford - mit der Massenproduktion begonnen. Das vierrädrige Erbe ist in der Hauptstadt des Bundesstaates Michigan auf einer "Museumsinsel" ausgestellt. 1908 fusionierte Oldsmobile mit Buick, fortan nannte man sich General Motors (GM).