Drei europäische Männer schlagen im größten Wildschutzgebiet dieser Erde ein Zelt auf, spannen die Hängematten und packen ihre Vorräte aus. Sie bleiben fast zwei Monate lang und leisten sich den Luxus, einfach nichts zu tun. Im Selous - so heißt diese übriggebliebene Wildnis in Tansania - gibt es keinen Menschen, kein Haus, keine Straße, kein Auto. Zwei Scouts von der Reservatsverwaltung buddeln ein Wasserloch und zimmern Tisch und Stühle - die einzige Reminiszenz an den gewohnten Lebenstil. Denn man(n) ist gereist, "um ein anderer zu werden".

Aurel Schmidt hat Tagebuch geführt und dieses Experiment zur Reflexion über Wildnis und Zivilisation genutzt. So schaut er genauestens über die "unsichtbare Grenze". Ein Blick zwischen Faszination und Beklommenheit, denn im Selous reguliert sich Natur ohne menschliches Zutun, planvoll und ohne Aufhebens. Ein toter Büffel nahe dem Camp verschwindet binnen weniger Tage. Die Hyänen bleiben jedoch den Augen der Besucher verborgen. Es ist die Welt in einem früheren Zustand, registriert Aurel Schmidt, "der fünfte Schöpfungstag". Eine schöne Metapher für diese Welt der Tiere, die aber für einen Zivilisationsflüchtling mit unendlichen Tücken gespickt ist. Alles, woran sich Menschen gemeinhin orientieren, fehlt. Die Landschaft ist ein eintöniges Einerlei aus immergleichen Grundmustern. Nirgends ein prägnanter Wechsel, keine hilfreiche Markierung. Kurz gesagt: Natur pur. Und so fremd dies ist, so beunruhigend ist es auch.

Die drei Männer machen einen Ausflug auf einen Bergkegel und sind schockiert, daß sie sich in der Entfernung und der Zeit, die das Gehen hier braucht, gefährlich verschätzt haben. Jede Unternehmung ist mühsam - oder führt, so paradox es klingt, in die Ekstase. Wie die Bootsfahrt auf dem Rufiji River: Licht und Farben und Landschaft verschwimmen zu halluzinatorischen Bildern, und die Psyche schlägt Purzelbäume. Aurel Schmidt schildert seine "ozeanischen Gefühle" irritierend plastisch wie einen LSD-Trip.

Diese Wildnis ist ein Ort für fremd gewordene Empfindungen. Aber ist sie auch eine Alternative? Das Buch gibt keine Anleitung zum Zivilisationsausstieg, denn der Autor verortet sich schließlich in der Kultur der Städte, die ihn geprägt hat: ". . . ich beschloß in den Tagen am Rufiji, nie, nie, nie wieder die Annehmlichkeiten, die sich aus den täglichen Gewohnheiten und einem gewissen zivilisatorischen Komfort ergeben, zu verachten oder zu denunzieren. Ich merkte, wie sehr sie ein Garant für Freiheit sein können." In der Wildnis, in der die Freiheit grenzenlos scheint, ist der persönliche Spielraum vielmehr begrenzt. Die Natur ist keine Idylle, meint Aurel Schmidt. Doch das ist gut so.

Man glaubt ihm gern, daß er - bei aller Ernüchterung - ein Fan des Wildlife bleibt. Und daß nicht bloß Tiere, sondern auch Menschen die Wildnis brauchen. Denn irgendwie gehören wir selbst zur Natur. Wir haben es bloß verlernt.

Aurel Schmidt:

Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition