Wadad Hallawan erzählt vom schlimmsten Augenblick ihres Lebens: "Es war mittags, die Kinder saßen vorm Fernseher, und Adnan half mir in der Küche, das Essen vorzubereiten. Es klingelte. Ziad, der damals sechs Jahre alt war, öffnete und sagte: ,Papa, jemand fragt nach dir.` Ich hörte Adnan mit jemandem diskutieren, aber ich verstand nichts. Nach ein paar Minuten sagte er laut: ,Ich will mit meiner Frau sprechen.` Ich habe gedacht, es ist ein Freund, der nicht hereinkommen will, ich bin zur Tür gegangen und sah zwei Männer, die ihre Revolver an Adnans Kopf hielten. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Ich fragte: ,Was ist hier los?` Einer sagte: ,Madame, haben Sie keine Angst, das ist ein ganz einfaches Verhör, in fünf Minuten kommt er nach Hause zurück.` Ich fragte nach seinem Ausweis. Einer der beiden zeigte mir ein Papier mit der libanesischen Fahne. Für mich war das der Beweis, daß er zur libanesischen Armee gehörte. Sie nahmen Adnan mit, setzten ihn in einen Peugeot 504 und fuhren weg. Die fünf Minuten dauern bis heute, seit dreizehn Jahren."

Adnan Hallawan wurde am 24. September 1982 gekidnappt, kurz nach der israelischen Invasion "Frieden für Galiläa" und dem Tag, an dem der Libanon mit Amin Gemayel einen neuen Präsidenten bekam. Wadad Hallawan, eine kleine, zierliche Frau in den Vierzigern, blättert in ihrem Photoalbum, um ein Bild von sich und Adnan zu suchen. "Seit dreizehn Jahren lebe ich mit Adnan nur noch durch die Photos", sagt sie. "Als sie ihn mitnahmen, habe ich nicht sofort verstanden, was das bedeutete. Erst in der Nacht, als ich allein ins Bett ging, wurde mir klar, was wirklich geschehen war. Erst dann fühlte ich, es ist wahr, Adnan ist nicht da. Das war das erste und letzte Mal, daß ich geweint habe." Wadad blättert weiter. "All diese Photos, sie erinnern mich daran, wie Adnan aussieht, aber immer öfter habe ich Angst, den Klang seiner Stimme zu vergessen."

Als Adnan nicht zurückkehrte, begann Wadad ihre verzweifelte und bis heute erfolglose Suche. Stundenlang wartete sie in den Büros von Parteien und Milizen, Polizei und Armee, um mit den Verantwortlichen zu sprechen, und erhielt immer wieder dieselbe Antwort: "Wir haben leider keine Informationen, wir wissen von nichts."

Verzweifelt über die eigene Erfolglosigkeit, besessen von der Idee, vielleicht mehr Erfolg zu haben, wenn sie nicht mehr alleine suchen müßte, versuchte Wadad, die Angehörigen anderer Verschwundener zu finden, und setzte eine Anzeige in die Zeitung: "Die Eltern der Gekidnappten sind aufgerufen, sich vor der Moschee Abdel Nasser zu versammeln, um sich kennenzulernen."

Sie erzählt: "Ich erwartete, drei oder vier Frauen zu treffen, aber als ich an dem Tag von der Schule zur Moschee kam - ich war damals noch Lehrerin -, konnte ich es nicht glauben. Hunderte waren gekommen, Frauen und Kinder, nur keine Männer, denn es war damals noch Notstand und verboten, sich zu versammeln oder zu demonstrieren. Jede von uns erzählte ihre Geschichte. Wer wann wo gekidnappt worden war. Keine kannte die andere. Ich begann zu schreien: ,Was halten Sie davon, wenn wir zum Premierminister gehen und ihm unseren Fall erklären?` Alle Frauen schrien: ,Ja!` Wir marschierten spontan in Richtung Serail. Als wir am TV-Gebäude vorbeikamen, hielt uns die Polizei an. Die Frauen schrien, weinten und beschimpften die Polizisten: ,Warum macht ihr das? Habt ihr keine Eltern, keine Brüder? Wir kehren nicht eher in unsere Häuser zurück, bis wir den Premierminister gesprochen haben.` Irgendwann sagte der Polizeichef: ,Fünf von euch können den Premierminister treffen.` Die Schnellsten und Stärksten schafften es, in den Militärjeep einzusteigen. Anstatt fünf waren wir fünfzehn. Wir sprachen mit dem Premierminister, und die Lügen und falschen Versprechungen begannen. Danach sagte ich den Frauen: ,Wir müssen das wiederholen, warum sehen wir morgen nicht einen anderen Politiker?` So wurde Ende Oktober 1982 das Elternkomitee gegründet."

Rund 20 000 der im Libanon Verschwundenen sind bis heute nicht wiederaufgetaucht. Für die Familien ist neben dem Schmerz die Ungewißheit am schwersten zu ertragen. Eine Ungewißheit, die Einsamkeit bedeutet und das Gefühl, langsam verrückt zu werden. Wadad erzählt von einer Nacht, in der sie von ihrer schwerkranken Nachbarin geweckt wurde. Sie erzählt, wie sie vom Klopfen an der Tür aufwachte und glaubte, es sei Adnan, der zurückkehrte, wie sie voller Hoffnung zur Tür rannte, um ihn in ihre Arme zu schließen, und dann vor sich die alte, kranke und klagende

Nachbarin sah. Und wie sie dann halb wahnsinnig vor Enttäuschung schrie: "Laß mich in Ruhe! Was habe ich dir getan, warum weckst du mich, warum tust du mir das an, ich habe geglaubt, es ist Adnan!" "Wir leben im Wartezustand", sagt Wadad, "und das Warten tötet. Ich habe mich sehr verändert. Wenn ich mir die Photos ansehe, erkenne ich mich manchmal selbst nicht mehr. Frage mich, wer ist diese Frau? Früher war ich schwach, und heute glauben alle, daß ich stark bin."