Am 10. Mai 1940 greift das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande an. Am 14. Mai zerstören deutsche Bomben die Innenstadt von Rotterdam. Holland wird besetzt. Drei Wochen später bedankt sich Minna von Alten-Rauch aus Braunschweig bei ihrer in Holland verheirateten Enkelin für ein Paket, das jene ihr schickte. Sie schreibt: "Mit welchen Gefühlen habe ich das Paket geöffnet! Unser liebes Holland!" Und einige Zeilen später heißt es: "Hier ist alles zuversichtlich; der Geist des Führers überträgt sich auf das Volk." Außerdem ist die alte Dame sehr froh über Berichte von Augenzeugen, die sagen, "Ihr lebtet Euch gut mit dem Militär ein".

Der von Hedda Kalshoven herausgegebene Briefwechsel zwischen ihrer in Holland lebenden Mutter und der deutschen Verwandtschaft ist eine Fundgrube für Widersprüchlichkeiten der notierten Art. Da gerät eine überaus gesittete deutsche Familie aus den sogenannten besseren Kreisen in den nationalsozialistischen Taumel und berichtet der in Holland lebenden Tochter, Schwester, Enkelin bedenkenlos von der herrlichen neuen Zeit. "So etwas Großes, Erhebendes hat kaum je ein Volk erlebt", jubelt Mutter Elisabeth immer wieder in ihren Briefen an die Tochter. "Weißt Du", schreibt sie zum Beispiel am 17. Mai 1933 über "unseren Hitler", "daß ich heute kaum an den Mann denken kann, ohne daß mir die Tränen in die Augen kommen? Und denke . . . ein einfacher Mann aus dem Volke . . . ein einfacher Soldat . . . Er wird der Führer werden in der Welt."

Getreulich berichtet Mutter Elisabeth von "Vatis" "augenblicklich besonders vielseitiger und verantwortungsvoller Tätigkeit" als stellvertretender Oberbürgermeister von Braunschweig. Sie schwelgt in dem notwendigen Kampf gegen die Kommunisten und antwortet auf die Bemerkung der Tochter, die "Judenhetze ist gemein und ekelhaft", mit der tiefen Erkenntnis: "Es ist Weltgeschichte, die wir erleben. Aber die Weltgeschichte geht über das Schicksal des einzelnen hinweg, und das macht diese Zeit, die so erhaben und rein ist in ihrem Ziel, so schwer neben der Freude, das Mitgefühl mit dem Einzelschicksal. Das . . . ändert aber nichts an der Beurteilung der Judenfrage als solche. Die Judenfrage ist ebenso eine Weltfrage wie der Kommunismus."

Derweil singt die Tochter in Holland auf einem Wohltätigkeitskonzert für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Später werden sie und ihr Mann Verbindungen zum holländischen Widerstand haben, werden Bedrohte verstecken. Da sind die deutschen Eltern schon tot, die in den dreißiger Jahren Brief auf Brief mit nazistischen Wonneschauern füllen. Läse man ein Drehbuch, einen Roman mit diesen Texten - man legte das Manuskript aus der Hand, weil es doch zu arg vereinfache. Womit wieder einmal bewiesen wäre: Die Wahrheit ist tumber, als jede Dichtung vertrüge.

Man möchte Zitat an Zitat reihen aus diesem erhellenden Buch. Gewiß, auf die immer offene Frage, wie es denn geschehen konnte, findet man auch hier keine endgültige Antwort. Aber eindringlicher kann kaum dokumentiert werden, wie harmlose und nette Menschen zu begeisterten Wegbereitern eines mörderischen Systems werden und später - wie immer - von nichts gewußt haben.

Hedda Kalshoven:

Ich denk so viel an Euch