Weder Urwaldmissionare noch päpstliche Prediger im fernen Rom hatten sich je träumen lassen, was vor 65 Jahren mit einem simplen Sendemast hinter dem Petersdom begann und heute über Satelliten Tag und Nacht in 34 Sprachen auf allen Kontinenten zu hören ist: Radio Vatikan. Guglielmo Marconi, der damals 57jährige Erfinder der drahtlosen Wellenübermittlung, konstruierte selbst die erste Anlage im Garten auf dem Vatikanhügel. Gerade hatte der Nobelpreisträger auch die Möglichkeit des Empfangs von Kurzwellen jenseits des optischen Horizonts entdeckt - etwas fast "Metaphysisches" für fromme Ohren -, da konnte er, feierlich in Frack und Zylinder gehüllt, am 12. Februar 1931 den Sender Pius XI. übergeben. Mit fast bebender Stimme sprach der Papst die ersten, natürlich lateinischen Worte ins vergoldete Mikrophon . . .

Inzwischen hat den Vatikan, so zeitlos-konservativ er seine Verkündigungen versteht, zumindest die technische Revolution erfaßt: Auf dem Sendezentrum von Santa Maria di Galéria entstand 25 Kilometer nordwestlich von Rom ein Wald von Sendemasten, darin zwei über hundert Meter hohe Kurzwellen-Drehantennen, spendiert aus deutschen und amerikanischen Kirchenkassen. Dazu kam vor drei Jahren mit Hilfe von World Radio Network (London) eine täglich zwölfstündige Übertragungsmöglichkeit durch Eutelsat und zwei Satelliten des Intelsat-Systems über dem Atlantik und dem Indischen Ozean.

Und wozu der Aufwand? "Kein Propaganda-Instrument" wolle der Sender sein, doch eine Weltkirche wie die katholische bedürfe zu ihrem Zusammenhalt heute nicht nur der Administration, sondern auch der Kommunikation, sagt Eberhard von Gemmingen. Der schwäbische Jesuiten-Pater gestaltet das deutschsprachige Kurzwellenprogramm. Dabei unterliegen er und sein meist junges, nicht aus dem Klerus kommendes Team keiner Vor- oder Nachzensur "von oben". Auch wenn schon die Personalauswahl für Rechtgläubigkeit sorgt, innerkirchliche Konflikte und kleine Ketzereien kommen durchaus vor und sorgen für Hörerinteresse.

Für den Rundfunk sei das Beste gerade gut genug, "das Beste an Gutheit" - so radebrechte einst Pius XII. auf deutsch ins Mikrophon. Gar nicht gut fanden die deutschen Nazis den Sender, als er im Zweiten Weltkrieg trotz vatikanischer Neutralität kritische Töne gegen deren Kirchenpolitik und die Verbrechen in Osteuropa hören ließ. Hitlers Propagandaminister Goebbels nannte den vatikanischen Sender "unbequemer als einen kommunistischen". Als 1941 dessen "zunehmende Schärfe der Kritik" in einer langen diplomatischen Protestnote der deutschen Botschaft in Rom beklagt wurde, bekam der Papst kalte Füße und ordnete an, "nicht jeden Tag gegen das, was in Deutschland geschieht, zu reden". Auch die Polemik gegen die atheistische Sowjetunion hielt sich in Grenzen; da galt stets die Warnung eines litauischen Bischofs, geheim übermittelt, daß "solche Sendungen uns nur schaden, sie reizen die Behörden . . . Was wir erwarten, sind Meldungen aus der katholischen Welt . . . Das, was bei uns geschieht, wissen wir selbst."

Dennoch waren die Radiowellen aus dem Vatikan jahrzehntelang die einzige Verbindung mit radikal-atheistischen Ländern wie Albanien, China und Vietnam. Zehntausende von Hörerbriefen bezeugen, daß die seelische Hilfe auch bei Anders- und Nichtgläubigen wirksam war und noch immer ankommt. Dazu müsse sich "Professionalität und Spiritualität zur fruchtbaren Synthese vereinigen", sagte der päpstliche Substitut, Erzbischof Giovanni Re, beim letzten "Betriebsfest", das wie immer Gabriel, dem Erzengel der "frohen Botschaft" und Patron des Senders, gewidmet war.

Radio Vatikan soll also nach dem Willen des Erzbischofs "gegen den Strom schwimmen". Gleichwohl sind auch hier die schlechten Nachrichten "gute", also interessante. Denn weder mit Papstreden und -reisen noch mit der Übertragung des lateinischen Rosenkranzes und feierlichen Liturgien läßt sich ein modernes Image gewinnen. Ein Beispiel dafür ist das (leider nur in Rom und Umgebung hörbare) "Studio A": neun Stunden Musik auf UKW und Mittelwelle mit Klassik, Jazz, Pop, Rock und dazwischen Spots mit Nachdenklichem und nicht nur biblischen Lebensweisheiten . . .