Tübingen, Kupferbau, der größte Hörsaal der Universität. Ein prominenter Theologieprofessor beendet seine Vorlesung vor dichtbesetzten Reihen. Da wird es - denkt sich der hereingeschneite Zuhörer - Eberhard Jüngel, dem nächsten Dozenten, schwerfallen, ebenso viele Studenten zu fesseln. Doch in der Pause strömen noch weitere junge Leute hinzu. "Was meinen Sie", sagt die stadtprägende Buchhändlerin, eine Gasthörerin, "wie viele Studenten schon zu N. gekommen sind, nur damit sie anschließend bei Jüngel einen guten Sitzplatz haben?"

Dieser Zuspruch ist ein kleines Wunder, weil Eberhard Jüngel seine Anerkennung nicht der Popularität oder Provokation politischer oder sozialkritischer Thesen verdankt, sondern der Strenge und Genauigkeit des gedanklichen Anspruchs. In den wilden Jahren nach 1968 nahm die politisierte Studentenschaft daran Anstoß. Inzwischen hat sich nicht nur in Tübingen herumgesprochen, daß exaktes Arbeiten am Gegenstand mehr bewegt als das Schwelgen in gesellschaftlicher Relevanz; daß systematische Theologie nicht in die Enge führt, sondern in die Freiheit; daß das genaue Argument nicht penetrant wirkt, sondern seine eigene Ästhetik in sich trägt.

Jüngel gehörte zu den ostdeutschen Kirchenleuten, die den Eigensinn der Theologie gegen jeden Versuch realsozialistischer Vereinnahmung vertraten. 1934 in Magdeburg geboren, lehrte er von 1962 bis 1966 am Sprachenkonvikt in Berlin, einer kirchlichen Hochschule, an der auch Richard Schröder und Wolf Krötke zu seinen Doktoranden zählten - Protestanten, die den Platz der Kirche im Dorf und nicht im Sozialismus sahen. 1966 konnte Jüngel einem Ruf nach Zürich folgen, 1969 zog der letzte große Schüler Karl Barths weiter nach Tübingen. Die Absicht, nach Ost-Berlin zurückzukehren, machte das SED-Regime dadurch zunichte, daß es Jüngel dazu erpreßte, einen westdeutschen Paß anzunehmen.

Heute zählt Jüngel in Ost wie West zu den eminenten Vertretern seiner Zunft. 1992 wurde er in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste berufen. Der beste und sinnigste Wein in seinem Keller: "L'inferno" - die Hölle.