Der Richter nimmt kein Blatt vor den Mund: "Mädchen, das ist ja furchtbar. Wir beide wollten uns doch nicht wiedersehen." Die Begrüßung trifft Frau P. wie ein Schlag, orientierungslos bleibt sie im Saal des Amtsgerichtes Hamburg stehen. "Den schönen Seehundpelz legen wir erst mal ab, Ihnen wird auch so noch heiß genug", prophezeit der Richter, ein großer, kräftiger Mann, ruppig. "Sechsundvierzig sind Sie. Mädchen, Mädchen. Da kann man doch noch was aus seinem Leben machen, und Sie landen immer wieder bei mir."

Aber ob der Richter selbst daran glaubt, daß Frau P. noch etwas aus ihrem Leben machen kann? Jahrzehntelanger Alkohol- und Tablettenmißbrauch haben den Körper der Angeklagten aufgebraucht. Die Arme der Frau mit den fleckig blond gefärbten Haaren bewegen sich unkontrolliert. Die Kleidung ist alt und verschlissen, das blankgewetzte Leder schimmert durch das Seehundfell.

Dem Richter macht es augenscheinlich keine Freude, wegen einer Reihe von Ladendiebstählen in Supermärkten und im Kaufhof erneut über Rosemarie P. zu richten. "Sie sind ja nur noch ein Wrack, was mache ich bloß mit Ihnen?" Was sie getan haben soll, ist der Frau nicht ganz präsent. "Na, geklaut, mein Kind, und immer nur so'n Schiet." Schnaps, Schokolade und Zigaretten. Kein Arzt verschrieb Frau P. den gewünschten Cocktail von Beruhigungs- und Schmerztabletten, also hat sie gestohlen und ihre armselige Beute am Hamburger Hauptbahnhof gegen Tabletten eingetauscht.

Dem Richter ist das bekannt, lange nachfragen muß er deshalb nicht. Er rauft sich die Haare. Bei der letzten Verhandlung hatte er gesagt, daß Frau P. beim nächsten Mal ins Gefängnis muß. "Und was ist? Sie stehlen einfach weiter." Nur: Im "Knast" werde das nicht besser, das weiß der Richter auch.

In der Vergangenheit taumelte Frau P. von einer Anstalt in die nächste. Nach dem Aufenthalt in einem Frauenwohnheim - "Da hab' ich das nicht mehr ausgehalten, da wurde rund um die Uhr gesoffen" - konnte sie im Herbst Unterschlupf bei den Guttemplern in Cuxhaven finden. "Darum gibt es im Oktober keine Anzeigen gegen Sie", merkt der Richter an. Jetzt lebt Frau P. in einer Rehabilitationsstätte, eine Betreuerin hat sie ins Gericht begleitet. Die Angeklagte ist geschieden, ihr Exmann soll sie "ab und an" besuchen, wie die Betreuerin mitteilt, die drei Kinder weigerten sich allerdings, die Mutter zu sehen. Frau P. halte sich aus eigenem Entschluß in der Rehabilitationsstätte auf, berichtet die Sozialpädagogin. Und solange sie sich noch Mühe gebe, sei auch noch Hoffnung da.

Wegen der unzähligen Diebstähle wird Frau P. zu einer Haftstrafe von sieben Monaten verurteilt. Weil sie "so doch besser" untergebracht sei, wird noch einmal eine Bewährungsfrist eingeräumt. Rosemarie P. weint, weil sie nicht ins Gefängnis muß. "Heulen nützt doch nichts beim Amtsgericht", wehrt der Mann in der schwarzen Robe die Tränen der Frau P. ab.