Haifa Wenn sich Israelis im Ausland über ihren Wohnort unterhalten, sagen sie auf hebräisch: "Ani gar ba aretz" - ich lebe im Land. Gemeint ist Israel. In keiner Sprache sonst wird das Wort "Land" auch als Eigenname gebraucht. Man lebt also im Land oder außer Landes, chuz la'aretz. Drinnen oder draußen. Und drinnen herrschte - geprägt von langer Belagerungsmentalität - eine ganz besondere Solidarität.

Der legendäre Zusammenhalt droht in künftigen Friedenszeiten jedoch auseinanderzubröckeln. Das zeigen die jüngsten Konflikte um die Blutspenden der äthiopischen Juden. Vor allem aber ist das mit der Ermordung des Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin deutlich geworden. Was wird die Israelis zusammenhalten, wenn die Klammer des gemeinsamen Feindes einmal weggefallen ist? Was vereint dann Arme und Reiche, Israelis orientalischer und europäischer Herkunft, gläubige und nichtreligiöse Juden?

Deshalb spricht der Schriftsteller Abraham B. Jehoschua, einer der wichtigsten Autoren seines Landes, von der Notwendigkeit, eine neue israelische Identität zu schaffen. Dabei kommt er ohne das Modewort "Postzionismus" aus. Abraham B. Jehoschua stammt aus einer alteingesessenen sephardischen Familie, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Saloniki einwanderte. Seine Mutter kam in den dreißiger Jahren aus Marokko. Er sei ein "präzionistischer Jude, der nicht verfolgt werden mußte, um hierherzukommen". So gehört der 59jährige Romancier einer Minderheit innerhalb des aschkenasisch geprägten Establishments an. Vielleicht hat ihn gerade das mit einem besonderen Gespür für unterschwellige gesellschaftliche Entwicklungen ausgerüstet.

Die israelische Identität, sagt Jehoschua, habe sich bisher auf drei Grundpfeiler gestützt: den Kampf ums Überleben, das Besiedeln von Land, die Einwanderung. Das war der Kern eines Konsenses, der den religiösen Juden aus Bnei Brak mit dem Yuppie aus der Tel Aviver Scheinkinstraße und dem Orientalen in seiner vernachlässigten Vorstadt bisher vereint hat. Alle drei Pfeiler wanken heute.

Israel, geboren aus einer Idee und nicht aus der Geographie, ist nach 48 Jahren endlich dabei, Grenzen zu bekommen. Der Kampf ums Überleben ist gewonnen. Dadurch verliert auch die Besiedlung des Landes - einst das oberste Gebot des zionistischen Pioniers - an Bedeutung. "So wie die Franzosen sich nicht über unbesiedelte Landflächen an ihrer Grenze zur Schweiz Sorgen machen, so werden auch Israelis aufhören, unbevölkerte Gegenden als eine Sicherheitsbedrohung anzusehen." Und schließlich hat auch das "Prinzip Einwanderung" an Kraft verloren. Wenn es Frieden gibt, braucht es kein "Gegengewicht" mehr zu den hohen arabischen Geburtsraten.

Dabei bleibt gerade dieser Teil der Geschichte, die Einwanderung, ein besonderes Problem. Aus mehr als achtzig verschiedenen Ländern kommen Einwohner Israels. Mehr als die Hälfte sind heute Sabres, im Lande Geborene. Trotzdem will man auch bei ihnen immer wissen: Woher kommen die Eltern? Es sei merkwürdig, sagt ein gebürtiger Pariser, der mit 23 Jahren eingewandert ist, "in Frankreich war ich Jude, und hier bin ich plötzlich Franzose". Die massive "Rückkehr der Juden ins Gelobte Land" nach zweitausend Jahren Exil hätte wahrscheinlich die wildesten Träume eines Theodor Herzl übertroffen. Fast fünf Millionen Juden leben heute im Land. Längst nicht alle fühlen sich in das zionistische Projekt integriert. Die Tatsache, daß nach der Ermordung Rabins niemand die jemenitische Herkunft des Attentäters Jigal Amir erwähnt hat, ist ein Indiz dafür.

Als ihn die Nachricht von Jitzhak Rabins Ermordung erreichte, war Jehoschua gerade zu Gast auf der Buchmesse in Istanbul. "Ich wette, der Täter ist religiös", hatte er zu seiner Frau gesagt. Ohne diese Komponente, glaubt er, hätte kein israelischer Rechtsextremer zur Waffe gegriffen. Aber es habe noch einen zweiten Faktor gebraucht: "Jigal Amir stammt aus einer orientalischen Familie." Laut davon gesprochen haben allein orientalische Intellektuelle, "nur die können sich das auch erlauben".