Es ist gerade drei Monate her, da rief Oskar Lafontaine der Regierung entgegen: "Zieht euch warm an!" Doch Helmut Kohl wärmt sich auf andere Weise. Er zieht alle nah an sich heran: "Ich möchte Sie einladen", sagte er am Donnerstag an Lafontaine gerichtet, "die Debatte mitzuführen". Und ergänzte: "Lassen Sie uns darüber reden, ob Sie andere oder bessere Vorschläge haben. Wir werden uns dann entscheiden müssen."

Oskar Lafontaine griff diesen "geänderten Tonfall gerne auf" und antwortete samtweich: "An dem, was Sie hier allgemein vorgetragen haben, habe ich im Grunde genommen gar nichts zu kritisieren." Das Bündnis für Arbeit, es wird immer breiter und zugleich enger und irgendwie auch wärmer.

Nur einmal verlor der SPD-Vorsitzende Lafontaine in seiner Rede zum Jahreswirtschaftsbericht die Beherrschung: Als er die Kürzungsvorschläge der FDP bilanzierte und zu dem Ergebnis gelangte, ihm komme "das Kotzen". Bundestagsvizepräsident Klose ließ seinen Parteifreund gewähren, und beinahe hätte es damit auch sein Bewenden gehabt.

Wäre da nicht Matthias Berninger, der jüngste Abgeordnete des Hauses. Der hatte einen Monat zuvor die Politik des Forschungsministers Rüttgers bewertet und war zum gleichen Fazit wie Oskar Lafontaine gekommen - mußte dafür aber eine Rüge der Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer einstecken: Der Begriff Kotzen sei "unparlamentarisch".

Nun schrieb der junge Grüne einen Brief an Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, mit der Bitte, den Begriff des "Unparlamentarischen" allgemeinverbindlich zu präzisieren.

Schwer genug. Aber wie ist erst karnevalistische Ethik zu definieren? Seit neunzehn Jahren redet Oskar Lafontaine in der Saarbrücker Karnevalsgesellschaft in der Bütt. Am vergangenen Wochenende ließ er sich zu dem Kalauer hinreißen: "Mit was verhüten Emanzen? Mit dem Gesicht."

Das Schweigen wird als eisig beschrieben. Möglicherweise hilft Lafontaine jetzt in manchen Kreisen nur noch eins: warm anziehen.