Am vergangenen Sonntag stand es weiß auf schwarz in der Bild-Zeitung: "Sozialwohnungen: Bonn will die Mieten erhöhen". Am Montag empörten sich Bürgermeister allerorten eifrig über "diese Schreckensnachricht". Mit Horrorszenarien brachten einige von ihnen Sozialmieter zielsicher um den Schlaf. Wenn der Rauch erst einmal verzogen ist, wird sich indes folgendes zeigen: Erstens ist die Absicht, die Bauminister Klaus Töpfer in Bonn umtreibt, alt - und zweitens vernünftig.

So wie der Staat das soziale Wohnsystem derzeit betreibt, ist es schlicht ungerecht. Bedürftige müssen oft jahrelang um eine Bleibe ringen, weil ihr Kreis ungleich größer ist als die Zahl der Wohnungen; wer aber erst einmal eingezogen ist, erfreut sich oft ungeachtet seines Verdienstes einer Minimalmiete, die nicht einmal die Hälfte dessen ausmacht, was Vermieter auf dem freien Markt verlangen. Und der Zustand wird sich weiter verschlechtern: Nach ernsthaften Schätzungen wird sich die Zahl der Sozialwohnungen in den Jahren 1995 bis 2005 halbieren - weil die riesige Menge der in den sechziger Jahren geförderten Bauten nun allmählich aus der vereinbarten Bindung herausfällt. Zudem sitzen in rund einem Fünftel der - de facto unkündbaren - Wohnungen sogenannte Fehlbeleger, die ihrem Einkommen nach in einer Sozialwohnung gar nichts zu suchen haben.

Da liegt es nahe, Sozialmietern systematisch mehr Geld abzuverlangen, soweit ihre Einkommen das zulassen, und damit Bedürftigen zu helfen, die keine Unterkunft finden. Dieses Ziel verfolgt auch der Bauminister. Töpfer will die Mieten von Sozialwohnungen auf das Marktübliche anheben und dafür die einzelnen Bewohner - gemäß ihrer Einkommen - subventionieren. Die Ärmeren müßten dann nicht mehr überweisen als heute, wohlhabendere Sozialmieter indes schon. Was sie hinzuzahlen, soll wieder in Sozialwohnungen investiert werden.

Der Ansatz hat freilich seine Probleme: So käme es den Staat teuer, wenn er jedes Jahr die Einkommen der Sozialmieter mit ihren Wohnkosten abgleichen und die Förderung entsprechend anpassen müßte - Fachleute glauben, daß der höhere Aufwand in der Verwaltung die Mehreinnahmen großteils auffressen würde. Außerdem ist es schwer, ein solches Vorhaben in den laufenden Verträgen durchzusetzen.

Alternativ könnten die Gesetzgeber des Bundes und in den Ländern den sozialen Wohnungsbau auch beenden und höheres Wohngeld an jene auszahlen, die auf dem Wohnungsamt leer ausgegangen sind. Ob ihrer Eleganz läßt diese Lösung das Herz vieler Ökonomen höher schlagen: Der Markt waltet, und die Menschen suchen sich Wohnungen, die ihren Vorlieben entsprechen und nicht staatlichen Vorgaben. Der Schönheitsfehler dabei: Bestimmte Gruppen haben auf dem Wohnungsmarkt keine Chance; wenn es eng wird, finden vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende und Ausländer keine Bleibe, selbst wenn sie mit hohem Wohngeld ausgestattet sind. Solchen Bedürftigen, und das sind nicht nur kleine Randgruppen, müssen die Kommunen daher auch weiterhin Sozialwohnungen bieten können.

So läßt sich der Bau von Sozialwohnungen zugunsten höheren Wohngelds zwar weiter einschränken, aber schwerlich ganz abschaffen. In jedem Fall aber sollte es bei den bestehenden Wohnungen gerechter zugehen. Sonst verliert die Idee des Sozialbaus ihre Berechtigung. Denn es ist schon ein perverses System, in dem soziale Absicherung zum Glücksfall wird.