Mit der Freiheit von Forschung und Lehre war es in den Wirtschaftswissenschaften der DDR nicht weit her. Die meisten Professoren, die früher einmal "Politische Ökonomie des Sozialismus" gelehrt hatten, wurden daher nach 1990 abgewickelt; es entstanden neue Fakultäten, deren Lehrer mehrheitlich aus dem Westen kamen. Was im Prinzip wohl unvermeidlich war, sonst hätten die Ost-Fakultäten kaum eine moderne ökonomische Ausbildung anbieten können. Unvermeidlich aber auch, daß die Art und Weise der Abwicklung bei den Betroffenen Haß erzeugte. Besonders dann, wenn man vermutete, die Abwickler könnten selbst Probleme mit der Vergangenheit haben.

In der Berliner Humboldt-Universität besorgte das Abwicklungsgeschäft eine "Struktur- und Berufungskommission", und die leitete seit April 1991 Wilhelm Krelle. Der heute 79jährige Bonner Emeritus zählt zu den herausragenden Ökonomen der Bundesrepublik. Mit seinen Veröffentlichungen über Preistheorie, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Vermögenspolitik prägte er Generationen westdeutscher Studenten. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes gehört als streitbarer Konservativer der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland an und bekam 1994 den Ehrendoktorhut der Humboldt-Universität.

Und jetzt wurde noch etwas anderes bekannt: In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs diente Krelle bei der 17. SS-Panzergrenadierdivision "Götz von Berlichingen" im Range eines Sturmbannführers. Er bestreitet diesen Tatbestand gar nicht, hat ihn aber auch in seinen Lebensläufen nie erwähnt - weil er dort nicht hingehört, wie Krelle glaubt. Zum Fall wurde Krelles SS-Angehörigkeit durch Studenten und ehemalige Dozenten der Humboldt-Universität; sie stellten die Akte Krelle in akribischen Recherchen beim Bundesarchiv zusammen. Vermutlich liegt der Ökonom gar nicht so falsch, wenn er als Motive bei den Rechercheuren Rache und DDR-Nostalgie vermutet. Die Ergebnisse der Recherchen wurden zuerst in der linken Berliner Jungen Welt und im Neuen Deutschland veröffentlicht.

Niemand hat Krelle bisher persönliche Schuld vorgeworfen. Er war seinerzeit auch nicht aus eigenen Stücken der Waffen-SS beigetreten, sondern als Wehrmachtsoffizier dorthin abkommandiert worden, ein Vorgang, der im Januar 1945 in Deutschland an der Tagesordnung war. Andererseits ist von Krelles SS-Division mindestens ein Kriegsverbrechen dokumentiert: Am 3. Mai 1945 wurden zwei deutsche Emissäre hinterrücks erschossen, als sie mit den amerikanischen Truppen über die kampflose Übergabe eines Tales in Bayern verhandeln wollten. Von Krelle sind martialische Durchhaltebefehle dokumentiert.

Das Präsidialamt der Humboldt-Universität hat nun Unterlagen über ihren Ehrendoktor beim Bundesarchiv in Koblenz bestellt. Ein Militärhistoriker soll sie prüfen.