Mailand

Hinter Gittern sitzen diesmal die Journalisten, und der Angeklagte sitzt davor. Silvio Berlusconi, einer der reichsten und mächtigsten Männer Italiens, wirft den eingesperrten Medienvertretern spöttische Blicke zu: "Das tut euch gut!" Der Saal des Mailänder Gerichtshofes, in dem sich der Besitzer der Fininvest wegen des Vorwurfs der Bestechung von Finanzbeamten verantworten muß, ist viel zu klein. Deswegen muß die Presse in dem Käfig Platz nehmen, der sonst Untersuchungshäftlingen vorbehalten ist.

Am 16. Februar, dem dritten Verhandlungstag, hat der Staatsanwalt Gherardo Colombo die Anklageschrift verlesen. Berlusconi ist an jenem Tag nicht dabei. Ihm und seinen acht Mitangeklagten wird vorgeworfen, Mailänder Finanzbeamte geschmiert zu haben, damit Fininvest nicht gar zu genau kontrolliert wird. Daß Geld geflossen ist, steht außer Frage, fast alle Angeklagten geben es zu. Die Öffentlichkeit aber interessiert: Wußte Berlusconi davon? Die Staatsanwaltschaft will es beweisen; er bestreitet es.

Silvio Berlusconi, der vom Mailänder Bauunternehmer aufstieg zum Besitzer des zweitgrößten Konzerns Italiens, dem drei Fernsehsender, der größte Verlag (Mondadori) und eine Fußballmannschaft (AC Mailand) gehören, der Anfang 1994 die Partei Forza Italia gründete, welche bei den Wahlen im März 1994 die meisten Stimmen bekam, der daraufhin zum Ministerpräsidenten gewählt wurde: Er mußte nach einem halben Jahr von seinem Amt zurücktreten, weil der Korruptionsverdacht sich zur Anklage verdich tet hatte. Der Prozeß wird über sein politisches Schicksal entscheiden - wenn er denn einmal zu Ende ist. Das Verfahren wird mindestens neun Monate dauern; dann ist Berufung möglich. Die nächsten Wahlen aber sind jetzt im April, und Berlusconi und seine Forza Italia treten wieder an.

Für die Mailänder Steuerfahndung, die Guardia di Finanza, war das "Geschäft" von 380 Millionen Lire (300 000 Mark) mit der Fininvest kein Einzelfall. Schon 163 Unternehmer, Steuerberater und Finanzbeamte haben in ähnlichen Verfahren gestanden, Geld verschoben zu haben. Die Mitarbeiter Berlusconis behaupten aber, nicht sie hätten die Steuerfahnder bestochen; sie seien von denen geradezu gezwungen worden zu zahlen.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt seit zwei Jahren mit aller Kraft gegen die Fininvest. In einigen Fällen sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen; in anderen steht die Gerichtsverhandlung bevor. Die Anklagen lauten auf Korruption, illegale Parteienfinanzierung, Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung, Erpressung. Ungefähr zwanzig Verfahren. Auf Berlusconi wartet nach bisherigem Stand mindestens ein weiterer Prozeß.

Zur Strategie seiner Verteidigung gehört es, sich als Opfer einer Verschwörung darzustellen. Die Justiz verfolge politische Ziele, erklärt er.