Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Sie werden lachen, ich bin ein Profi - ich bin gelernter Büttenredner. Sie wissen schon: der, der draußen vor der Tür wartet, wenn der Sitzungspräsident seine Frage stellt: Solle w' 'n rinlosse? Zu deutsch: Sollen wir ihn hereinlassen? Das Musterbeispiel einer rhetorischen Frage. Das Volk gibt seine Zustimmung, der Marsch hebt an, die Tür geht auf.

Als ich angefangen habe, mußten sie mir eine Bierkiste unter die Füße schieben, damit das Publikum sah, woher die Stimme kam. Es war der Wille meiner Mutter, der mich dazu trieb, unter Höllenängsten vor eine Horde alberner, buntbemalter Erwachsener zu treten und eine Rede zu halten. Wir waren damals zu Hause nur ein kleiner Verein, aber ich hatte immer Mühe, mit meinem Kinderblick auch nur einige Nachbarn wiederzuerkennen. Jedes Wort war herausgerungen, um das richtige Tempo bemüht, damit die Pointe nicht verderbe. Denn Büttenreden ist pointiertes Reden, das habe ich schon als Kind begriffen: Du kannst alles fehlerfrei aufgesagt haben, aber wenn du dich am Ende verhaspelst oder zu schnell wirst, keine Luft mehr hast oder nur einen Augenblick lang stockst, dann ist es aus. Keine Reaktion. Und es gibt nichts Schlimmeres als keine Reaktion. Oder nur einen mitleidigen, peinlichen Lacher.

Ich glaube nicht, daß meine Eltern bei der Sache viel weiter gedacht haben als diese Lacher. Mein Vater schon gar nicht. Laß den Jungen doch in Frieden, sagte er jedes Jahr und bezog dies auch auf sich selbst, wenn er sich - von meiner Mutter genötigt - in das rotweiße Spielerkostüm zwängte, das mit lauter Herzdamen und Pikbuben beklebt war. Aber gegen meine Mutter war in diesem Punkt nicht anzukommen. Es heißt, die Narren übernähmen in dieser Zeit das Regiment, um zu zeigen, daß die Welt auf dem Kopf steht. Ich bin mir nie ganz sicher geworden, ob es meinem Vater nicht peinlich war, daß sein Sohn vor seinen Bekannten Witze erzählte. Vielleicht hatte er andere Pläne mit mir. Mein Vater war ein sehr schweigsamer Mann.

Die Texte ablesen zu können kam meinem Naturell sehr entgegen. Als Kind war ich immer sehr schüchtern. Ich war bemüht, nicht aufzufallen. Wenn ich überhaupt etwas zu sagen hatte, dann waren es die Worte anderer. Ich wiederholte, was der Lehrer am Vortag gesagt hatte. Ich lernte Gedichte auswendig. In unserer Kirche wurde ich Lektor. Ich war schon früh ein Meister des vorgegebenen Wortes. Ich habe immer nur re-zitiert. Ich könnte keinen eigenen Brief verfassen (meine Frau sagt, nicht einmal einen Einkaufszettel), aber ich kann präzise die kompliziertesten Satzkonstruktionen reformulieren, genau betont, beatmet und artikuliert. Man darf die Ruhe in der Stimme nicht verlieren: Die Stimme hält alles zusammen.

Die ersten Jahre hatte meine Mutter die Reden geschrieben. Sie hatte ein sicheres Gefühl für den leichten Geschmack. Man könnte auch sagen, sie hatte so etwas wie einen "allgemeingültigen Humor". Es gab eine beinahe gefühlsmäßige Zensur: Ihre Reden enthielten nie politische Witze, grobe Anzüglichkeiten oder Witze über Minderheiten (ausgenommen Witze über Katholiken). Ich habe nie erlebt, daß sie mit ihrem Urteil einmal danebenlag. Der anzüglichste Witz, den ich vortrug, war der: "Was sagt ein Liliputaner, wenn er nackt durch die Heide geht? - Laß das, Erika!"

Natürlich hatte meine Mutter die Witze nicht erfunden. Sie hatte sie aufgeschnappt, gesammelt, nachgelesen, was weiß ich. Woher kommen Witze? Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, ehrlich gesagt. Ich weiß, daß es Stimmungen gibt. Manches Publikum war so in Stimmung, daß es selbst über den Wetterbericht gelacht hätte. Und wenn sie lachten, dann gaben sie auch. Tatsächlich bekam man sein Geld frühestens am Aschermittwoch. Die Prozedur der Bezahlung hatte etwas Ernüchterndes, als hätte man dem Leben etwas abgekauft.

Meiner Mutter ging es nie ums Geld. Das sah man ihren leuchtenden Augen an, wenn der Schlußapplaus tobte und der Tusch nicht enden wollte. Das reichte ihr. Meine Mutter war Rheinländerin und katholisch - beides gehört zusammen -, und sie hatte in ihrem Leben nie die Gelegenheit gehabt, etwas anderes sein zu dürfen als Hausfrau. Der Karneval war ihr heilig. Womöglich habe ich die ersten Jahre auf der Bierkiste nur ausgehalten, um meine Mutter einmal im Jahr glücklich zu sehen.