Kang Rimpotsche! Kang Rimpotsche!" ruft Yeshi aus voller Brust. Mit ausgestreckter Hand zeigt der Klosterschüler aus Lhasa auf einen fernen Gipfel, kaum mehr als ein weißer Punkt am Horizont. Bewegung kommt in das Meer aus Fellen und Decken. Ein Kopf nach dem anderen pellt sich aus den wärmenden Umhängen. Kinder reiben sich den Schlaf aus den Augen, kräftige Männer aus Osttibet rücken sich die roten Bänder in ihrem Haar zurecht. Ein dicker Mönch, dessen goldgelbe Robe nicht mehr über dem Bauch schließt, eine alte Nomadin mit Runzeln im Gesicht - alle starren sie in Richtung des Berges Kang Rimpotsche.

Erst verhalten, dann immer kräftiger erfüllen Gebete die kühle Morgenluft, drehen sich rhythmisch die Gebetsmühlen. Die beiden alten Lastwagen fahren einsam durch die endlose Weite Westtibets. Dicht gedrängt mit zwanzig tibetischen Pilgern, kauere ich auf der kleinen Ladefläche. Neben, unter, über uns Kisten, Säcke, Kessel und Felle.

Der eiskalte Fahrtwind bläst uns um die Ohren. Noch eine Stunde, dann haben wir Darchen, die kleine Siedlung am Fuß des Kang Rimpotsche, erreicht. Doch noch ist ein Fluß zu durchfahren. Jetzt zur Regenzeit schwellen die Flüsse auf ihr Vielfaches an, eine gefährliche Falle für die schweren Laster. In der Strommitte steckt schon ein dunkelgrüner Lastwagen fest. Zwei Gestalten stehen auf der Motorhaube und fuchteln hektisch mit den Armen. "Chinese Army!" lacht Yeshi und streckt den Daumen nach oben. Auch alle anderen Tibeter machen keinen Hehl aus ihrer Schadenfreude. Unter den verzweifelten Blicken der chinesischen Soldaten erreichen wir sicher das andere Ufer. Für die Tibeter ein Moment der Genugtuung für Jahrzehnte chinesischer Unterdrückung.

Wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit liegt Darchen vor uns. Mystisch erhellt das Morgenlicht die Rauchschwaden. Das Dorf ist gerade erwacht, in den groben Steinhäusern und Nomadenzelten wird der erste Tee gekocht. Und über allem thront der Kang Rimpotsche, das Schneejuwel. Kang Rimpotsche, außerhalb Tibets besser unter dem indischen Namen Kailash bekannt, ist der heiligste Berg Asiens. Seit beinahe tausend Jahren begeben sich Pilger aus ganz Tibet, der Mongolei, Bhutan, Nepal und Indien auf die lange Reise in die abgeschiedene Weite Westtibets. Buddhisten, Dschainas, Hindus und Bön-pos, die Anhänger der präbuddhistischen Schamanenreligion Tibets, verehren den Kailash. Ob alt oder jung, wer kann, umwandert den Berg auf einem heiligen Pfad. Schon eine Umwanderung, die Kora, reinigt von den Sünden dieses Lebens, 108 Koras sichern das Nirwana, glauben die Buddhisten. Wer zu schwach oder alt ist, läßt andere für sich wandern - gegen Bezahlung. Und das religiöse Verdienst wird geteilt.

Dabei wissen viele tibetische Pilger nicht einmal, warum dieser Berg so heilig ist. Hauptsache, sie sammeln Pluspunkte für das nächste Leben. Nach buddhistischem Glauben stellt Kang Rimpotsche den Sitz der tantrischen Gottheit Demchog und seiner Partnerin Dorje Phamo dar. Gesellschaft leisten ihnen 500 Bodhisattwas, die ihren Eintritt ins Nirwana hinauszögern, um Frommen zu helfen. Weit größere Popularität hat der Berg aber erlangt, weil er Ende des 11. Jahrhunderts Heimat des großen tibetischen Poeten Milarepa war.

Die Bön-pos waren Meister auf dem Gebiet okkulter Rituale. Tise, wie der Kailash von Bön-pos genannt wird, galt als der wichtigste Verbindungspunkt zwischen Himmel und Erde. Bis Mitte des 7. Jahrhunderts beherrschten Bön-Priester das Königreich Zhang Zhung in Westtibet. Die Hauptstadt lag nur unweit des Tise.

Auch für die Dschainas, Anhänger der streng asketischen Lehre, ist der Kailash von spiritueller Bedeutung. Angeblich soll der Gründer des Dschainismus, Rishabanatha, auf dem Gipfel des Kailash Erleuchtung gefunden haben. Hindus aus Indien und Nepal pilgern zum Kailash, weil sie glauben, auf dessen Gipfel throne der große Gott Schiwa, Zerstörer und Schöpfer, mit seiner Frau Parwati.