London

Eine Untersuchungskommission soll man nur einsetzen, wenn man vorher das Ergebnis kennt." Sir Humphrey, Archetypus des britischen Civil Servant - zynisch, weltgewandt und meisterhaft im ökonomischen Umgang mit der Wahrheit -, empfahl dies einst seinem Minister. Aber offenbar kennt John Major Sir Humphrey und Yes Minister nicht, die mittlerweile legendäre BBC-Fernsehserie, über deren bissig-heitere Darstellung der politischen Realität in Whitehall und Westminster Margaret Thatcher sich köstlich amüsierte. Im übrigen hat sie Humphreys Ratschlag selbstverständlich beherzigt.

Anders ihr Nachfolger. Als Major vor dreieinhalb Jahren Sir Richard Scott mit einer Untersuchung über "Irakgate" beauftragte, schien er ernsthaft bereit, die Wahrheit über die zwielichtige Waffenexportpolitik seines Landes enthüllen zu lassen. Nicht von ungefähr nannte man ihn zu jener Zeit honest John. Major demonstrierte eine Vorliebe für saubere Verhältnisse, ob in Parlament oder Regierung. Weshalb der Premier einige Male ehrwürdige Richter und Lords an die Spitze von Kommissionen berief, um den politischen Augiasstall ausleuchten zu lassen.

Mittlerweile hat sich der "rechtschaffene" Major in tricky John verwandelt. Vielleicht ist es der permanente politische Überlebenskampf, der diese Wandlung erzwang. Wenn innerparteiliche Widersacher den Premier (neben vielem anderen) der Blauäugigkeit bezichtigten, führten sie gerne die Scott-Kommission an. Wie konnte er nur ausgerechnet einem der unbestechlichen Repräsentanten des alten britischen Establishment eine solch delikate Aufgabe übertragen? Warum überhaupt schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit waschen? Schließlich hat nicht nur Großbritannien dafür gesorgt, daß aus Saddam Hussein ein waffenstarrender "Frankenstein" wurde, ausgerüstet mit "Superkanone", chemischen Sprengköpfen und biologischen Kampfstoffen. Inzwischen hat der Regierungschef seinen Fehler längst eingesehen. In den vergangenen Monaten lief eine konzertierte Aktion ab, um Lord Justice Scott vor der Veröffentlichung seines Berichtes zu diffamieren - als naiv, unfair, verdächtig linkslastig, ja nicht ganz zurechnungsfähig. Welcher gestandene Lord verzichtet auch schon freiwillig auf die Dienstlimousine, um ins Büro zu radeln?

Die Schmierkampagne kam nicht von ungefähr. Die Regierung wußte seit geraumer Zeit, daß sich über den Köpfen einiger Kabinettsmitglieder Unheil zusammenbraute. Sir Richard Scott hatte aus seinem Untersuchungsausschuß ein rabiates Tribunal gemacht; ohne Ansehen von Rang und Person ließ er sie alle antanzen - ob Ministerialbeamte, Kabinettsmitglieder oder Premier. Auch die Eiserne Lady mußte aussagen.

Wie recht Major und seine Ministerriege doch hatten mit ihren Befürchtungen. Lord Justice Scott ist auf der Suche nach der Wahrheit tief in eine Schattenwelt eingedrungen - eine Welt von Unwahrheiten, Zynismus und Arroganz der Macht. Zum Vorschein kamen Minister der Krone, die bewußt Parlament und Öffentlichkeit irreführten; Beamte, die mit ihnen zusammenarbeiteten; Diplomaten, die halfen, den Bestimmungsort von Waffenexporten vor Kollegen zu verbergen; und nicht zuletzt Politiker, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Dokumente unterzeichneten, die Gerichtsverfahren zur rechtsstaatlichen Farce machten.

Gewiß ist Sir Richard weder ein präziser Autor, noch war er an allzu pointierten Schlußfolgerungen interessiert. Wer's genau wissen will, muß sich durch fünf Bände Untersuchungsbericht mit rund 2000 Seiten kämpfen. Selbst Scott war auch nicht ganz gefeit gegen die massive Einflußnahme der Regierung; das mag die eigentümliche Doppeldeutigkeit einiger Passagen der letzten Fassung seines Berichtes erklären.