Der entscheidende Grund, daß wir uns Universitäten leisten, leitet sich mehr aus dem Unbekannten ab als aus dem Bekannten. Gerade die Romantik der Entdeckung drängt junge Menschen zum Studium und zu Karrieren in den Naturwissenschaften. Gerade der Traum, völlig neue Geräte, Materialien und Techniken zu schaffen, treibt Ingenieure um. Human- und Sozialwissenschaftler streben nach neuen Einsichten in die seelischen und sozialen Systeme der Menschen. Architekten und Planer suchen eine neue Ästhetik und neue Systeme, um unser Leben zu verbessern.

Die Suche nach dem Unbekannten birgt die größten Belohnungen für eine Gesellschaft, die in Ausbildung, Wissenschaft und Forschung investiert. Während ich diesen Jahresbericht vorbereitete, bat ich mehrere Fakultätsangehörige, mir Fragen und Rätsel zu nennen, an deren Lösung sie arbeiten.

Die Erde und ihr Klima: Weil die natürlichen Klimaschwankungen das Leben stark beeinflussen und unser Handeln eine Kaskade gefährlicher Klimaveränderungen auslösen könnten, herrscht allgemein Übereinstimmung: Wir müssen unsere Fähigkeit zur Klimavoraussage verbessern. Computermodelle gehören zu den wertvollsten Werkzeugen der Klimaforscher. Aber selbst die besten Klimamodelle auf den größten Rechnern können das Klima nicht ohne die Einführung störender künstlicher Ebenen simulieren. Vielleicht reicht die bisherige Verbesserung der Computercodes einfach deshalb nicht aus, weil wir noch nicht einmal im Prinzip wissen, welche Aspekte des Klimas überhaupt vorhersagbar sind.

Ein weiteres Werkzeug für die Erforscher sehr großer, komplexer Systeme ist die Chaostheorie. Sie findet heute in verschiedenen Bereichen Anwendung, etwa bei chemischen Reaktionen und Herzleiden. Wissenschaftler versuchen herauszufinden, welche Elemente des Klimas chaotisch sind; auch wollen sie wissen, wie das Zusammenspiel zwischen klimatischen Subsystemen - etwa die Ozeane, die polaren Eiskappen und die Wolken, die zur Abkühlung der Erde beitragen - die Auswirkungen menschlichen Handelns auf das Klima beeinflußt.

Wirtschaft und Gesellschaft: Wir verfügen über eine Reihe sehr zuverlässiger Indizes für nationales und internationales Wirtschaftswachstum. Wir können zeigen, daß in den vergangenen Jahrzehnten schnelles Wirtschaftswachstum mit einem entsprechenden Anstieg des Lebensstandards in einer Reihe weniger entwickelter asiatischer Länder auftrat, jedoch nicht in den meisten weniger entwickelten afrikanischen Ländern. Außerdem schwanken unter den führenden Industrienationen die Wachstumsraten wesentlich. Dennoch wissen wir nicht, warum Volkswirtschaften so unterschiedlich schnell wachsen. Wir kennen die wahrscheinlichen Faktoren, die das Wirtschaftswachstum beeinflussen - Ausbildung, Kapitalakkumulation, nationale Investitionen in Forschung und Entwicklung, Steuerstrukturen, Handelspolitik, rechtliche und politische Strukturen. Die relative Bedeutung dieser Faktoren und ihre Interaktionen sind zwar nicht hinlänglich präzise bekannt - dennoch entwickeln und verfolgen die Regierungen weiterhin eine Wirtschaftspolitik. In kleinerem Maßstab ist uns unbekannt, wie die erfolgreiche Organisation des kommenden Jahrzehnts aussehen wird. Selbst die erfahrensten Wirtschaftsführer können nicht voraussagen, welche Firmen blühen und welche untergehen werden.

Information und ihre Technik: Einige der am tiefsten gehenden Veränderungen im Wesen von Organisationen und Ökonomien sind dem schnell sich erweiternden Zugang zu Informationen zuzuschreiben. Selbst unsere über Jahrhunderte hinweg größten und beherrschendsten Organisationen - die Nationen - werden davon berührt. Wir wissen nicht, wie sich die rasche Ausbreitung vernetzter elektronischer Kommunikation auf den Nationalstaat auswirken wird. Die enorme kollektive Bandbreite des Internet unterscheidet es beträchtlich vom Telephon, und es besitzt das Potential, eine neue Art "Gesellschaft" zu schaffen. Wir können nicht voraussagen, ob wir eine Gesellschaft sehr lokaler Netze haben werden, die sich um Individuen und kleine Gruppen zentrieren, oder eine globale Gesellschaft, und wir wissen auch nicht, wie diese Entwicklungen zu steuern wären, selbst wenn wir uns über die erwünschten Ergebnisse klar wären.

An der Schnittstelle von Lern- und Informationstechniken stehen wir vor der Tatsache, daß wir nicht wissen, wie wir unsere Informationsinfrastruktur und neuen Medien am besten einsetzen sollen, damit Kinder besser lernen. Und auch bei der Erwachsenenbildung wissen wir das Potential der Informationstechnik kaum zu nutzen. Die ungeheuren Archive mit weltweit verfügbaren Informationen und die sich schnell vermehrenden Werkzeuge, um den Zugang zu diesen Informationen zu erhalten und sie zu nutzen, stellen uns vor besonders wichtige Aufgaben. Der Zugang allein garantiert noch nicht, daß Informationen auch wirklich gefunden oder verstanden werden. Wie läßt sich Wissen aus verschiedenen Quellen so bündeln, daß es unser Verständnis und unsere Fähigkeit zu seiner produktiven Nutzung fördert?