Die Vereinigten Staaten ein Sozialstaat - das geht einem schwer über die Lippen. Aber Robert Samuelson besteht darauf, daß auch das Land des rauhen Individualismus weit mehr sozialstaatliche Züge trägt als gemeinhin angenommen. Der Wirtschaftsjournalist spricht indes vom welfare state nicht mit dem vor Abscheu triefenden Unterton der Republikaner. Er sichtet die Gründe für das moderne Paradox, daß der Staat um so weniger geliebt wird, je mehr er wächst.

Das wichtigste Kriterium für einen Sozialstaat ist ihm: Die Sozialleistungen kommen nicht nur den Armen, sondern in starkem Maß auch der Mittelklasse zu. 1992 erhielten 42 Millionen Amerikaner Sozialversicherungsleistungen, 35 Millionen Zahlungen aus der Krankenversicherung für Alte, Medicare, und an 25 Millionen wurden staatliche Einkaufscoupons, food stamps, vergeben. Manche dieser Leistungen dürften denselben Empfängern zugute kommen, aber man darf annehmen, daß jeder fünfte Amerikaner auf die eine oder andere Weise vom Staat unterstützt wird.

Die Staatsquote, ebenfalls ein Indikator, ist mit 34 Prozent zwar ein ganzes Stück geringer als die Deutschlands, die von der Kohl-Regierung auf über 50 Prozent hochgetrieben worden ist. Aber 34 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, auch dies qualifiziert den Staat als den wichtigsten Wirtschaftsfaktor.

Samuelson zählt die Wirtschaftskonzerne zu den Institutionen, die ebenso wie der Staat in eine Vertrauenskrise geraten sind. Die Zuordnung ist nicht abwegig, denn in Amerika werden viele Sozialleistungen privat erbracht. Die Allgemeinheit trägt sie trotzdem mit, indem sie den Firmen dafür Steuererleicherungen gewährt.

Aber trotz der allgemeinen Wohlfahrt ist das Wehgeschrei groß. "Amerikaner wären nicht Amerikaner, wenn sie nicht klagten", schreibt Samuelson. Das trifft indes auf alle zu, auf Deutsche, Franzosen, Italiener. Und überhaupt: Samuelsons Analyse läßt sich, trotz der Unterschiede im Detail, im wesentlichen auf alle Sozialstaaten übertragen. In den vergangenen fünfzig Jahren haben sie alle Erwartungshaltungen erzeugt, die sie nun nicht länger befriedigen können. Versprechungen, Versprechungen, Versprechungen - die sozialen Probleme wurden wie kleine Kriege angegangen. Auch die Wortwahl offenbart dies, etwa im war on poverty. Der Staat - mit einer gut durchdachten Strategie und seinen immensen Ressourcen - erschien schließlich als der omnipotente Problemlöser, der nichts unerledigt ließ.

Jetzt, da überall offenbar wird, daß die Versorgungsgiganten doch nicht zu allem fähig, daß Wirtschaftsunternehmen inhärent unstabil sind und daß vor allem die proportional immer stärker anwachsende Bevölkerung im Rentenalter nicht unendlich weiter alimentiert werden kann, geraten alle in die Legitimationskrise. Die Bürger mißtrauen dem Staat. Samuelson sieht es als bittere Ironie an, daß am Grenzstein keiner den zurückgelegten Weg würdigt.

In den Vereinigten Staaten wird die Debatte über die Grenzen des Sozialstaates schärfer geführt als in Europa, obwohl es das Von-der- Wiege-bis-zur-Bahre-Versorgtsein nie so gegeben hat. Samuelsons bedeutender Beitrag dazu ist der kritische Blick auf das entitlement. Das heißt eigentlich Berechtigung oder Anrecht, wird aber so verwendet wie Anspruchsdenken. Die Amerikaner glauben, sie hätten ein Anrecht auf sichere Arbeitsplätze, aufgeklärte Unternehmen, auf einen großzügigen Staat und auf eine Welt nach dem amerikanischen Vorbild. Woran dieser, der Amerikanische Traum wie eine Blase zu zerplatzen droht, das beschreibt Samuelson in seinem Plädoyer gegen die Unzufriedenheit.