Paris zeigt Flagge, voila. Damit es keiner übersieht, gleich drei davon, in blassem Pink, wie es auf den Modeseiten dieses Frühjahrs gern auftritt. Die Botschaft der schwarzen Lettern: "Paris Berlin! Galeries Lafayette ab 29. Februar". Ob es ein Leben nach dem Preßlufthammer gibt? An der Friedrichstraße, im neuen, alten Zentrum der Hauptstadt, soll es sich nun endlich regen und werden, wie es war. Nein: höher, schöner, teurer. Noch dampfen hinter Absperrgittern die Teermaschinen, endet die Shoppingmeile als Sackgasse, rumpeln Straßenwalzen voran, wo einmal das Publikum flanieren, der Absatz florieren soll. Ein gläserner Bauch schiebt sich an der Ecke Französische Straße in die Tiefe des Raumes: Das ist sie also, die Berliner Dependance des großen französischen Kaufhauses.

Mitten im Provisorium wollen sich die Galeries Lafayette handstreichartig an die Spitze der Bewegung setzen und einfach mal anfangen. 8000 Quadratmeter Verkaufsfläche, auf fünf Etagen um die 33 Meter hohe Kuppel drapiert, eine Art gläsernes Frühstücksei - macht achtzig Millionen Mark Einstiegsgebühr. Bloß kein "KaDeO", kein Kaufhaus querbeet durchs Sortiment soll es werden, sondern sich beschränken auf das, was alle Welt für die französische Domäne schlechthin hält: Mode und Gastronomie.

Kein Zufall also, das Ambiente im alten Hugenottenviertel: L'Equipe lesende Bauarbeiter pfeifen durchweg französische Chansons, und in der improvisierten Telephonzentrale im ersten Stock lautet die Frage in jener leicht hektischen Satzmelodie, die in Paris zum guten Ton gehört: "Et vous êtes Madame . . .?" Sechs Meter weiter sitzt Claude Fabre, seit November vergangenen Jahres Geschäftsleiter. Bordeauxrotes Jackett, graugemusterte Krawatte und am Revers die kleine Blume der Freimaurer. Im Chaos definiert sich sein Status durch - Abstand: Die Tür zu seinem Arbeitszimmer ist die einzige im Haus, die auch mal geschlossen werden darf.

Warum sich aufregen? Das Personal ist zusammengetrommelt, wenn auch sozusagen in letzter Minute (200 Verkäufer und Verkäuferinnen, überwiegend aus dem Ostteil der Stadt, das spart Kosten), die Marktnische definiert ("ein Stück Paris in Berlin"), die Ware auf dem Weg, die Einladung zur großen VIP-Gala am 28. Februar verschickt. Fabre, bis 1995 Chef im gescheiterten Buch- und Medienkaufhaus FNAC in der Meinekestraße, vertraut auf seine zweite Chance und gibt den gelassenen Pfeifenraucher.

Fest steht: Wenn die Kanapees verzehrt und die Champagnerflaschen abgeräumt sind, tut sich eine längere Durststrecke auf. Gesunkene Kaufkraft, laue Konsumlaune, dazu die lauthals vom Handel bejammerte Mode-Unlust und der (noch) exotische Standort: Ist so viel Courage nicht schon tollkühn? "Sicher ist das ein mutiger Schritt", stellt Fabre fest. "Aber die Welt geht ja nicht unter. Wir haben Probleme, richtig. Um so wichtiger ist es, die richtige Marktnische zu besetzen. Große Fehler kann man sich nicht erlauben."

Nicht so große wie in New York jedenfalls. Dort traten die Galeries Lafayette an, um etwas ganz Feines aufzuziehen, so etwa in Richtung Sak's Fifth Avenue, und mußten nach drei Jahren einpacken, weil ihr Konzept nicht aufgegangen war. Was man in der Pariser Zentrale daraus gelernt hat? Nie wieder Luxus, das vor allem. Claude Fabre beugt gleich mal vor: "Wegen der Adresse und wegen des französischen Charakters könnte der Eindruck entstehen, daß wir gehobene Ware für die Oberschicht anbieten. Das ist nicht der Fall. Bei uns wird jeder etwas finden."

Keine bekannten Labels also, sondern die Hausmarken vom Boulevard Haussmann wie Avant Première und Jodhpur; weiter: knappe aktuelle Teile für die jüngere, "femme tonic" genannte Kundin, Prêt-a-porter für die "femme chic", dazu Herrenkonfektion, Accessoires, Dessous, eine Parfümerie und im Basement ein Restaurant mit 200 Plätzen für diejenigen, die gleich an Ort und Stelle das Tagesangebot verköstigen und anschließend im Supermarkt ihren Rohmilchkäse und Beaujolais bunkern wollen.