Moskau

Erstmals, verkünden Helmut Kohls Politik-Verkäufer, durfte ein westlicher Staatsgast in die Residenz des Präsidenten im Kremlpalast. Unter vier Augen. Vor dem Kamin. Zweieinhalb Stunden. Die ganz Großen, ganz vertraut. So viel Freundschaft war selten oder nie. Helmut Kohl und Boris Jelzin, sie können eben miteinander. Ist nicht der Kamin-Plausch der beiden der beste Beweis für den "hohen Standard der beiderseitigen Beziehungen"?

Man kann schwerlich behaupten, Kohl sei in seiner gut dreizehnjährigen Amtszeit mit dieser Politik schlecht gefahren. Er würde auch sagen, gerade Freundschaft unter Politikern, und das ist ja das Besondere, erlaube offenere Kritik. Wissen Sie, da kann man ganz normal sprechen! Ohne alles Präsidentielle!

Eine augenzwinkernde Zweisamkeit, von ganz unterschiedlichen Interessenlagen bestimmt, ist aus dieser Freundschaft zwischen dem Deutschen und dem Russen entstanden. In fast allen Fragen, sagt Jelzin, stimme man nahtlos überein. Nur ein "ganz kleines bißchen", zeigt er mit Daumen- und Zeigefingerspitze, sei man in Sachen Osterweiterung der Nato auseinander. Um dann, das russische Fernsehen ist schließlich dabei, gewaltig mit der Faust auf den Tisch zu hauen: keine Nato- Ausdehnung bis an die Grenzen Rußlands, lieber Helmut, nie und nimmer! Da erlebt man den offenkundig inszenierten Dissens unter dem gemeinsamen Freundschaftsdach.

Ähnlich war es wohl, als Jelzin sich laut über die deutschen Massenmedien erregte, die unwahr berichteten und Angst vor Rußland schürten. Kohl bremste den Freund zwar mit der jovialen Bemerkung, er lege Wert auf die Feststellung, "Boris" nicht angesteckt zu haben damit, um ihm dann den lebenserfahrenen Rat zu erteilen: Wenn man wie er die Kritik lange genug ertrage, dann merke man sie nur noch gelegentlich. Und das Leben sei doch zu schön, um sich sonderlich darum zu kümmern.

Da ist es wieder, dieses blinzelnde Uns-beiden-geht's-doch-ziemlich-ähnlich! So hält Kohl es mit Kritik ja schon lange, nicht nur im Plausch mit Boris Jelzin: Man müsse die Kritiker nicht sonderlich ernst nehmen. Er kann sich das leisten, wie man weiß. Man würde daran gar nicht mehr zu zweifeln wagen, hätte es da nicht aus der Entourage des Kanzlers beim Bilanzieren des Besuchs ungewöhnlich bissige Presseschelte gegeben: Auch die deutsche Seite will sich das Bild diffuser Harmonie, um das beide Seiten bemüht sind, nicht beschädigen lassen. Und so hat auch der Kanzlertroß seine Probleme mit Kritik und mit kritischen Fragen.

Ob Kohl nach dem Verbleib der Reformer in der Umgebung Jelzins gefragt habe, wollten die Journalisten beispielsweise wissen. Ob Jelzin erläutert habe, wie sich seine Äußerung, man müsse den Tschetschenen Dudajew und "andere Terroristen" erschießen, mit der angekündigten friedlichen Lösung in Tschetschenien vertrage. Ob die neun Milliarden Dollar aus dem Internationalen Währungsfonds, die demnächst in Moskau abgeliefert werden, etwas anderes als Wahlhilfe und warum sie nicht zweckgebunden seien. Solche Fragen, wie sie in einem Pressegespräch eigentlich selbstverständlich sind, jedenfalls in Demokratien, verträgt die angeblich wetter- und kritikfeste Kanzlergemeinde offenbar schlecht. Mit Kritik hat nicht nur Jelzin seine liebe Not.