Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

immer wenn es um Geld geht, werden die Menschen in diesem unserem Land unruhig und mißtrauisch. Besonders bei der neuen europäischen Gemeinschaftswährung. Da möchte man doch wissen, was aus den Ersparnissen und aus den DM-Anleihen wird. Und da kommen Zweifel auf, ob die neue Währung, wenn die starke D-Mark mit vielen anderen, schwächeren Währungen vermischt wird, wirklich so stabil sein kann wie die D-Mark.

Gewiß hat die historische Einigung auf einen Namen für das neue Geld, also Euro, den Glauben an Europa gefestigt oder sogar beflügelt. Aber nun mehren sich die Stimmen, daß dieser europäische Kraft- und Taufakt unvollkommen ausgefallen ist. Denn, soweit ersichtlich, hat Euro kein Geschlecht.

Heißt es der Euro, die Euro oder das Euro? Dies nicht festgelegt zu haben, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, ist mehr als ein technisches Versehen. Das deutet vielmehr darauf hin, daß die Staats- und Regierungschefs der fünfzehn Staaten der Europäischen Union sich nicht über den Charakter Europas einigen können! Soll Euro männlich sein, also der Euro, als Zeichen eines harten, stolzen Europas? Oder weiblich, die Euro, wie das zu einem mütterlich liebevollen, zärtlichen Europa passen würde? Oder sächlich, das Euro, ein Signum selbstverständlicher Beiläufigkeit? Das, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sind europäische Schicksalsfragen! Denn nirgends sonst gibt es eine solche Chance, den Charakter Europas sichtbar auszuprägen - wie mit seiner Währung.

Es ist bedauerlich, daß Bundesfinanzminister Waigel sich in der entscheidenden Sitzung auf einen nackten und bisher geschlechtslosen Euro eingelassen hat, statt für den Standort Deutschland die Euro-Mark durchzusetzen. Die frankophonen Länder, die mit le Franc vertraut sind, hätten bei ihrer männlichen Form bleiben, die anglophonen Partner pragmatisch zu the Euro übergehen können.

Nachdem diese Chance vertan wurde, wie schon so manches in Europa, bietet sich nun immerhin eine faszinierende Möglichkeit, das Interesse an Europa in Deutschland neu zu entfachen. Nicht durch die anlaufende große Werbekampagne, sondern durch ein Referendum über die Frage, welches Geschlecht Euro haben soll! Da ist ein klarer Volksentscheid möglich: der, die oder das ankreuzen. Dieses konkrete Thema belebt die Phantasie der Bürger und ermöglicht die große Europadebatte, in der die Parteien Farbe bekennen und streiten können: So wie man im Mittelalter über das Geschlecht der Engel gestritten hat. Endlich können dann auch deutsche Europabürger einmal ihre Stimmen abgeben. Überall sonst in Europa wurden Referenden veranstaltet; in manchen Ländern sogar zwei, wenn es nicht sofort klappte. Nur in Deutschland nicht. Diese Diskriminierung muß ein Ende haben, Herr Bundeskanzler!

Jeder weiß, daß Sie ein deutsches Referendum fürchten wie der Teufel das Weihwasser und Herr Waigel die Streichung des Solidaritätszuschlags. Denn es könnte gegen Europa ausfallen, wenn Europa nur mit einer Einheitswährung zu haben ist. Und dann wären Sie blamiert. Aber es ist der diskrete Charme des hier vorgeschlagenen Referendums, daß alle Stimmen für der, die, das Euro, egal, welches Geschlecht sich durchsetzt, schließlich als Pro-Europa-Stimmen addiert werden können. Und das muß Europa und Ihnen, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, doch mächtigen Auftrieb geben.