Der Februar eisig, das Jahrhundert am Ende, die Moderne erschöpft und nun auch noch dies: "Der Brief vom Finanzamt". Fassungslos greift sich die Empfängerin in die Haare. Der Mann kreuzt nur die Arme. Steht da, tut nix, schaut verkniffen drein. Keine Stütze in der Stunde der Prüfung. Nie ist auf ihn Verlaß, wenn dicke Post kommt.

Draußen, Schnee, Regen, schwerer Weg. Drinnen Schicksal, schweres Los. Klamm kommt es von den Wänden im Berliner Martin-Gropius- Bau. "Stadt der Verzweiflung". "Homo homini lupus". "Der Tod und das Leben". "Fixerin". Schrecklich, was der junge Mensch so treibt. Und dann: "Der Brief vom Finanzamt".

Der Steuerbescheid stammt von einer polnischen Behörde. Der polnische Maler Janusz Szpyt malt seine bedrängten Mitbürger im kalten Licht postsozialistischer Konfusion. An der Akademie der Schönen Künste in Krakau hat der Maler ein Diplom mit der Laufnummer "ASP 3304" erworben. Später hat er die "Schwiegermutter" gemalt. Mit blauen Tupfen auf dem Kleid, wie sie auch Tante Gertrud mochte. Und dann hat der diplomierte Maler ein kraftvolles Friedensbild in Angriff genommen. "Das Bombenbegräbnis". Und dann ist Herr Bluth aus Berlin angereist und hat erzählt, daß demnächst alle kraftvollen Bilder, alle Schwiegermütter und alle Briefe vom Finanzamt, auf einem Stockwerk, in einer Ausstellung zusammen . . . Und so ist es zur Ausstellung "Die Kraft der Bilder" gekommen.

Herr Bluth hat nach Aufenthalten in Westindien, Südamerika, Israel, Norwegen und auf Spitzbergen zur realistischen Malerei gefunden und über die realistische Malerei in den sogenannten "Künstlersonderbund", genauer: in den Vorstand desselben, der mit gleichsam instanziöser Autorität über das "beharrlich fortschreitende Prinzip" Realismus wacht, auf daß es nicht länger mit Stillschweigen übergangen werde. "Est modus in rebus", sagt Herr Bluth. Das ist künstlersonderbündlerisch und heißt soviel wie: Wir haben unseren Aufschlag verloren und brauchen ein Break.

Eine Chance bot sich vor drei Jahren, bei der Berliner Realismus-Triennale, die die überraschte Kunstwelt erstmals mit den bis dato übersehenen Schwiegermüttern und Briefen vom Finanzamt konfrontierte. Was sich damals wie die Korrektur eines deutschen Versäumnisses ausnahm, muß die überraschte Kunstwelt nun als europäisches Problem erkennen. Viele tausend Kilometer hätten zurückgelegt werden müssen, "um Atelierbesuche bei denjenigen zu machen, die wir in mehr oder weniger verborgenen Veröffentlichungen entdeckt hatten". "Danke, Bluth!" schreibt Matthias Koeppel. Er ist der Künstlersonderbund-Vorsitzende und hat für seinen Künstlersonderbund-Autritt die "Grundsteinlegung am Potsdamerplatz" gemalt. Fein getroffen ist der Regierende Bürgermeister, und die historische Szene unter fetzigem Gewölk kommt uns auch nicht so bedrückend an wie der Realismusimport aus Polen. Keiner auf Koeppels Bild, der an das Finanzamt denken müßte. Niemand, der in diesem starkdeutschen Augenblick die Schwiegermutter im Tupfenkleid vor Augen hätte.

Vielleicht unterscheidet das ja den westeuropäischen vom osteuropäischen Realo, daß diesem auch mal eine prächtige Villa in Hanglage gelingt, während jener immerzu über den ausgemergelten "König Lear" sinnen muß. Bis eben der Brief vom Finanzamt da ist, aber dann kommt auch keine rechte Stimmung auf.

Künstlersonderbündling wird, so die Vereinssatzung, wer "erkennbar die Realitäten unserer Zeit widerspiegelt". Bedarf es dazu realistischer Malmittel? Und zählen die gnadenlos geschindeten Marsyasse, die unrettbar abstürzenden Ikarusse, die unentwegt verspotteten Heilande in Wahrheit zu den "Realitäten unserer Zeit?" Wie oft sollen wir noch nach Berlin fahren, um bei dieser öffentlich subventionierten Selbstfeier des zweifelhaften, des schlechten Geschmacks dabei zu sein?