Es gab wichtigere Nachrichten in den letzten Wochen, aber leider sind die wichtigen Nachrichten fast immer auch die schrecklichen. Das Schöne und Tröstliche finden wir nur noch am Rande, zum Beispiel diese kleine Meldung auf der Seite "Vermischtes" der geliebten Süddeutschen Zeitung: "Die Schweiz ist größer geworden, ohne daß sie ihre Grenzen verändert hätte: Einer neuen Landvermessung zufolge ist sie drei Meter länger und zwei Meter breiter als bisher angenommen."

Wir hatten diese Nachricht beinahe schon vergessen, als wir vorvergangene Woche die Lieblingsrubrik unseres Lieblingsmagazins Der Spiegel, die sog. "Hausmitteilung", lasen. Dortselbst erblickten wir das eindrucksvolle Ganzphoto unserer Spiegel-Kollegin Susanne Weingarten samt der vertraulichen Hausmitteilung der Spiegel-Redaktion: "Die SPIEGEL-Redakteurin mißt 1,84 Meter und überragt das mittelamerikanische Landvolk bei weitem."

Die liebe Schweiz: immer ist sie uns, bei aller Begeisterung für Marthaler, Matterhorn und Mövenpick, so klein, so geradezu zwergenhaft vorgekommen! Doch nun ist es heraus: Die Schweiz ist viel größer, als wir alle dachten!

Und auch den Spiegel sehen wir plötzlich mit ganz anderen Augen. Hatten wir uns die dominierenden Figuren des deutschen Nachrichten-Magazins bisher doch immer als kleinwüchsige, als geradezu wichtelförmige Männer vorstellen müssen: Augstein und Aust, Broder und Karasek! Und nun plötzlich der Auftritt der blonden Riesin: 184 Zentimeter Weingarten!

Was macht sie so beglückend, die beiden kleinen Nachrichten über die Größe? Sagen wir es so: Es ist die in ihnen triumphierende Präzision des Poetischen bzw. Poesie des Präzisen. Drei mal zwei Meter Schweiz, 1,84 Meter Weingarten: Solch wunderbar genaue Informationen machen uns hellhörig - und endlich mißtrauisch gegen das übliche vage Kulturgerede in diesem Lande.

"Eine der schönsten Aufführungen der letzten Jahre" - solche schwammigen Schwärmereien werden wir in Zukunft nicht mehr akzeptieren! "Die siebtschönste Aufführung der letzten vier Jahre" oder auch "die elftschönste der letzten hundert Jahre" - das wären Urteile, über die sich diskutieren ließe!

Die geschätzte Kollegin Weingarten wiederum sollte sich fragen, ob eine Gnomen-Redaktion wie die des Spiegel, die das mittelamerikanische Landvolk nicht einmal um Millimeter überragt, ihre journalistische Heimat bleiben kann. Oder ob nicht ein Blatt wie etwa die ZEIT (wo nach jüngster Vermessung allein die Kollegen Sommer, von Kuenheim, Erenz, Stock und Kleine-Brockhoff zusammen 9,98 Meter unter die Meßlatte bringen) das sympathischere berufliche Umfeld bieten dürfte.