Monika Kuban ist eine begehrte Vortragsrednerin. Zahllose Einladungen erhält die Duisburger Finanzdezernentin und Stadtdirektorin von Amtskollegen anderer Kommunen. Die Sozialdemokratin gilt als innovative Verwaltungsreformerin. Landauf, landab wird das von ihr zusammen mit dem Oberstadtdirektor entwickelte Konzept "Duisburg 2000" gelobt. Die Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer zeichnete sie dafür mit einem Preis aus; und in dem internationalen Wettbewerb "Demokratie und Effizienz in der Kommunalverwaltung" der Bertelsmann Stiftung erhielt Duisburg als einzige deutsche Stadt eine Ehrenurkunde.

Für Monika Kuban entbehren diese Auszeichnungen jedoch nicht einer gewissen Ironie. Denn geboren wurden die Reformen eher unfreiwillig - aus Geldnot. Und das Bitterste: Duisburgs Talfahrt konnte damit keineswegs gestoppt werden. "Wir werden gegen den Baum fahren", prophezeit die Finanzdezernentin. Sämtliche Einspar- und Rationalisierungspotentiale seien nun erschöpft.

Schuld an dem Finanzdesaster ist ein beispielloser Arbeitsplatzabbau. Zwischen 1961 - dem Beginn der Krise im Steinkohlenbergbau - und 1987 verlor die 540 000-Einwohner-Stadt 90 000 Arbeitsplätze. In jüngster Zeit hat sich das Tempo noch beschleunigt. Allein in den vergangenen zwei Jahren büßte Duisburg weitere 20 000 Arbeitsplätze ein, zum größten Teil in der Eisen- und Stahlindustrie. Während in Nordrhein-Westfalen seit 1980 trotz Stellenabbaus die Zahl der Beschäftigten unterm Strich um 5 Prozent stieg, sank sie in Duisburg um 27 Prozent. Mit dieser "Erosion des Beschäftigungssystems", heißt es in der kürzlich erschienenen städtischen Analyse "Zukunft für Duisburg", ging "die Erosion der finanziellen Basis Duisburgs einher".

Die Gewerbesteuer, sagt Monika Kuban, "spielt bei uns keine Rolle mehr". Zwar sind die Großen der Stahlbranche alle noch da, Thyssen und Mannesmann, Klöckner und Krupp - "aber sie zahlen nichts, weil sie nichts gewinnen", klagt die Finanzdezernentin. Gerade mal 240 Millionen Mark betrugen Duisburgs Gewerbesteuereinnahmen im vergangenen Jahr - das entspricht 400 Mark pro Einwohner. Zum Vergleich: Düsseldorf nahm im gleichen Jahr über 1500 Mark pro Kopf ein und Frankfurt am Main knapp 2200 Mark. Zugleich sind Duisburgs Ausgaben für Sozialhilfe sprunghaft angestiegen - von 117 Millionen Mark im Jahr 1980 auf 373 Millionen 1995.

Um das 300-Millionen-Defizit in ihrem 2,6 Milliarden Mark umfassenden Haushalt zu senken, ließ sich die Dezernentin nun schon zum zweitenmal eine unkonventionelle Lösung einfallen: 28 Schulgebäude verkauft die Stadt dieses Jahr an eine Leasingfirma. Erlös: rund 200 Millionen Mark. Dafür sind jetzt jährlich etwa 15 Millionen Mark Leasinggebühren fällig. "Das ist kein Geschäft, das sich rechnet", weiß Monika Kuban, "aber es schafft im Moment Luft." Im vergangenen Jahr trat die Stadt kommunale Wohnungsbaudarlehen in Höhe von 190 Millionen Mark an ein Bankenkonsortium ab.

Angesichts dieser Misere wollen immer mehr Duisburger den Solidarpakt mit dem Osten aufkündigen. "Obwohl selbst wie kaum eine andere Stadt in Westdeutschland mit massiven Wirtschaftsproblemen konfrontiert, wird der Duisburger Haushalt noch zusätzlich durch die Finanzierung der deutschen Einheit belastet", heißt es in der Schrift "Zukunft für Duisburg". Rund 74 Millionen Mark jährlich zahle Duisburg direkt, in den Länderfinanzausgleich und für den Schuldendienst des Fonds Deutsche Einheit. Hinzu kämen noch "mittelbare Mehraufwendungen durch Kürzungen der Zweckzuweisungen" von etwa 26 Millionen - macht zusammen 100 Millionen Mark im Jahr. "Förder- und Subventionsmaßnahmen sollten nicht länger danach entschieden werden, ob eine Stadt im Osten oder Westen liegt, sondern danach, wie die konkreten Daten aussehen", meint Dezernentin Kuban.

Nicht nur in Duisburg denkt man so, sondern im gesamten Ruhrgebiet. Elf Revier-Oberbürgermeister - unter anderen die aus Essen, Duisburg, Dortmund, Bochum, Oberhausen und Gelsenkirchen - machten ihrem Herzen kürzlich in einem Brief an Ministerpräsident Johannes Rau Luft: "Die Revierstädte tragen durch ihren Solidaritätsbeitrag zu einer Modernisierung der neuen Bundesländer bei. So gut, so richtig - oder, wir meinen nicht. Denn es kann doch nicht angehen, daß Regionen mit den gleichen Problemen finanziell belastet werden, um Modernisierungsschübe auszulösen, die anschließend die Probleme im Ruhrgebiet weiter verstärken."