Vor knapp fünfzig Jahren, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, interessierte sich der Mann, der heute Amerikas Wirtschaft lenkt, fast ausschließlich für Musik. Alan Greenspan besuchte das angesehene Juilliard-Konservatorium in Manhattans Upper West Side und spielte Baßklarinette und Saxophon in einer Tanzband in New York. Von Ökonomie verstand der junge Musiker nur wenig.

Das änderte sich. Anfang der fünfziger Jahre hatte Greenspan Noten mit Ziffern vertauscht und hörte Ökonomiekurse an der New York University. Zahlen sind bis heute seine Leidenschaft geblieben. Aber die Kreativität und Präzision, die in seiner Jugend die Musik von ihm forderte, zeigt Greenspan nun auch im Umgang mit der Ökonomie. Als Chef von Amerikas Zentralbank dirigiert er das ökonomische Orchester der Vereinigten Staaten mit virtuoser Meisterschaft.

Bis Anfang März muß sich entscheiden, ob der fast Siebzigjährige ein drittes Mal zum Vorsitzenden der Federal Reserve nominiert wird und damit auch über die Präsidentenwahlen im November hinaus Herr der amerikanischen Wirtschaft bleibt. Die Chancen stehen gut, daß ihm der Demokrat Bill Clinton grünes Licht gibt. Zwar ist Greenspan ein Republikaner. Aber er bewegt sich ohne Mühe in allen politischen Lagern, hat Freunde auch in der demokratischen Partei und kann auf eine positive Bilanz verweisen. Die Inflation ist gering, die Wirtschaft wächst, wenn auch schwach. Im geschwätzigen und lauten Washington, schrieb überdies das Magazin News and World Report, sei Greenspan ein "stiller Mann mit großem Einfluß".

Seine politischen Beziehungen pflegt der Fed-Chef, seit er 1966 von Richard Nixon erstmals nach Washington gerufen wurde. Seine wirtschaftliche Macht basiert auf seinem Amt - und auf dem Erfolg. 1987, kurz nach Beginn von Greenspans erster Amtsperiode, sorgte die Fed dafür, daß aus dem schwarzen Freitag an der New Yorker Börse kein freier Fall der gesamten Wirtschaft wurde. Ende der achtziger Jahre zähmte die Bank die wiederauflebende Inflation, auch aus der Rezession des Jahres 1991 arbeitete sich Amerika ohne nennenswerte Preissteigerungen heraus. "Greenspan hat exzellente Noten verdient", findet Gail Fosler, die Chefökonomin des New Yorker Firmenverbandes Conference Board.

Ökonomischen Scharfsinn bewies der spätere Währungshüter schon früh. 1954 wurde Greenspan Chef einer Consulting- und Wirtschaftsprognosefirma in New York, die ihn rasch zu einem wohlhabenden Mann machte. In der Betrachtung der Welt verließ er sich von Anfang an auf Zahlen und Statistiken: auf Goldpreise, Einzelhandelsumsätze, aber auch auf obskure Zahlenfolgen über den Eisenbahnverkehr in Texas oder den Abbau von Erzen und Kohle. Altgediente Analysten verwirrte der Vorsitzende während einer Rede einst mit sorgenvollen Bemerkungen über den Rückgang der "Bestellungen von Lastwagen der Klasse 8"; die eigenen Fed-Statistiker überraschte er mit einer selbstentworfenen Preisstatistik. Er gleiche einem um die Entschlüsselung eines komplizierten Theorems bemühten Mathematiker oder einem Archäologen, der über einem neuen Hieroglyphenfund brütet, beschrieb ihn ein Kollege einmal. "Durch Daten lernt man mehr über die reale Welt", sagt Greenspan selbst.

Notorisch verschwiegen, vorsichtig, vernünftig, ernst und tiefgründig, dazu mild und gemäßigt in Ton und Benehmen: So wird der Fed-Chef von Journalisten und Mitarbeitern beschrieben. Eine ehemalige hochrangige Senatsangestellte, in deren Büro Greenspan oft auf der Couch saß, hält den Herrscher über Amerikas Geld aber auch für eine "extrem philosophische Person. Er kennt seine Zahlen - besser als jeder andere Zentralbanker vor ihm. Aber er weiß auch, worauf es in seiner Rolle ankommt, in welchem historischen Kontext die Fed steht." Greenspan, sagt sie, sei ein Ökonom durch und durch - mit einem tiefen Sinn für Politik und Weltanschauung.

Einen wesentlichen Teil seiner ideologischen Grundierung erhielt der damals noch junge Volkswirtschaftler in den fünfziger Jahren von der Schriftstellerin Ayn Rand. Die Autorin von Büchern wie "Atlas Shrugged" oder "Fountainhead" war Greenspan von seiner damaligen Frau, der Künstlerin Joan Mitchell, in New York vorgestellt worden. Die Ehe ging in die Brüche, nicht aber die Freundschaft zu Rand, die schon damals als Verfechterin eines ungezähmten Kapitalismus und einer libertär individualistischen Ethik galt, die dem Staat und der Regierung wenig Vertrauen schenkt, dem Markt dagegen um so mehr. Greenspans Denken hat die 1982 gestorbene Autorin beeinflußt wie kaum eine andere Person: "Sie zeigte mir, daß Kapitalismus nicht nur effizient und praktisch ist, sondern auch moralisch", erklärte er in einem Zeitungsinterview.