BERLIN. - Montagmorgen im Justizpalast. Zwei Männer treten durchs Portal, durchschreiten die Halle und steigen die mächtige Treppe hinauf. Der rechte stapft massig voran. Der linke, ein Greis, tappt emsig hinterher. Oben auf der Galerie drängelt die Journaille. Licht flammt auf, Kamera läuft und erfaßt die Ankömmlinge. Der Massige, der Held, bläht die Nüstern und bleckt die Zähne: Egon Krenz, nicht schuldig.

Saal 500. Das Gericht zieht ein, angeführt von einem großen, klaren Jungen, der sanft das Kommende erläutert: Maximal drei Stunden haben wir, sagt Richter Josef Hoch, und die ältesten Beklagten, Herr Mückenberger und Professor Hager, möchten bitte zu verstehen geben, wenn sie nicht mehr können. - Ansonsten sind noch die Herren Schabowski, Kleiber, Krenz und Dohlus, der mit Krenz kam, angeklagt der Toten an den Grenzen der DDR.

Beim vorigen Termin hat Kurt Hager bereits alles widerlegt. Heute will das Egon Krenz, doch zum Auftakt bietet Horst Dohlus noch einmal das audiovisuelle Erlebnis des SED-Führungskaders: "Ich wurde am 30. Mai 1925 in Plauen im Vogtland geboren und stamme aus einer Arbeiterfamilie . . . antifaschistische Grundhaltung . . . prägte mein Leben . . . Arbeitsdienst . . . Wehrmacht . . . Kriegsgefangenschaft . . . die Freundschaft zu den Menschen der Sowjetunion schätzengelernt . . . alles zu tun für die Sicherung des Friedens." Seit 1980 gehörte Dohlus zum Politbüro. "Ich weise entschieden zurück, mit meiner Wahl wäre ein aktiver Täterwille zu diesen tödlichen Konsequenzen verbunden gewesen." Die Todesfälle bedaure er, doch eine innerdeutsche Grenze habe es nie gegeben, nur die Frontlinie zwischen zwei Paktsystemen. Das Grenzregime, von Moskau anbefohlen, habe das Politbüro nicht ändern können.

Kurt Hager dreht sich um, nickt Dohlus zu und lächelt taperig: Gut! Gut!

Dann endlich Krenz. Das finale Unglückshuhn der DDR-Geschichte annonciert zwei Stunden persönliche Erklärung. Sacht fängt sie an und schwillt, so ab Seite 5, zu jenem Donner, den man von der historischen Wahrheit einfach erwarten muß: Schuld an der Grenze war 1933. Die DDR stand außenpolitisch unter Kuratel der sowjetischen Siegermacht. Wer ihr widerstanden hätte, wäre wie Dubcek geendet. - Usw., siehe Dohlus. "Sie, Herr Richter, sind jung", ruft Krenz. "Wir stehen in wechselseitiger Befangenheit voreinander. In Deutschland gibt es derzeit keinen Politiker mit der Weitsicht eines Nelson Mandela, Jassir Arafat, Jitzhak Rabin. Setzen Sie ein politisches Signal für die deutsche Einheit!" Richter Hoch scheint etwas überfordert. "Der Streit, der zwischen Truman und Stalin begann, kann nicht zwischen dem Politbüro und dem Berliner Landgericht beigelegt werden." Kurt Hager sagt: "Egon, wenn du gestattest . . ." Richter Hoch unterbricht nicht undankbar.

Wie Erich Honecker hat Egon Krenz vor dem Berliner Landgericht seine beste Rede gehalten. Beide fürchteten mit Grund, die Verurteilung der DDR sei die Absolution der alten Bundesrepublik. Krenz: "Nach 1945 hatte dort die Augenbinde der Justitia eine besondere Bedeutung: Die Dame sollte die Richter nicht wiedererkennen." Wo aber Honecker bockig die Lego-Steinchen der kommunistischen Rhetorik zusammensteckte, offenbarte Krenz Ahnungen vom Unterschied zwischen Doktrin und Gewissen: "Daß wir Tote nicht verhindern konnten, zähle ich zur negativen, gescheiterten Seite meiner Lebensbilanz." Jeder Tote habe ihn erschüttert. - Geht denn das, so weit vom Schuß?

52 Seiten hat Krenz in den Gerichtssaal trompetet: Honecker in Bonn! Und Kohl in China? Heuchelei! Siegerjustiz, entgegen den Absprachen Kohl/Gorbatschow! Er verlange Entschuldigung! Er fordere Einstellung des Verfahrens! "Die DDR war mein Leben. Es ist absurd, daß man mir nachträglich eine Rechtspflicht zur Ermordung der DDR auferlegen will." Schütterer Beifall, Vertagung.