Je zahlreicher die Nachahmer, desto schwerer hat's das Original. Ob eine Kanzlerrunde die Frührente reformiert, die Postbank weniger Stellen streicht als geplant oder die Hamburger Wirtschaft gute Vorsätze für die Zukunft faßt - allerorten werden in diesen Wochen "Bündnisse für Arbeit" geschmiedet. Sogar die Illustrierte Focus reicht der Republik die Hand zu einem "Bündnis für Aufschwung". Angesichts dieser Mode droht Klaus Zwickels Konzept, Mutter aller Bündnisse, ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Und nun ist dem IG-Metall-Chef auch noch sein Verhandlungspartner abhanden gekommen, zumindest vorerst.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall möchte über die in dieser Phase drängendste und schwierigste Frage - wie nämlich die Millionen von Überstunden in reguläre Jobs umgewandelt werden können - fortan nicht mehr zentral verhandeln; die komplizierte Materie wird an die Regionen weitergereicht. Die "Vielfalt betrieblicher Erfordernisse", heißt es, könne "sachgerecht nur vor Ort gelöst werden". Ziemlich unverhohlen gibt der noch immer mächtigste deutsche Arbeitgeberverband aber auch zu, für weitere Verhandlungen nicht mehr das Mandat der eigenen Basis zu haben. In der Vergangenheit mal für eine zu unflexible Strategie, mal für zu hohe Abschlüsse und immer wieder für die "Regelungswut" der Tarifverträge gescholten, mögen sich die Kölner Funktionäre nicht ein weiteres Mal die Finger verbrennen. Sollen sich die Regionalverbände doch selbst mit den aufsässigen Mitgliedsfirmen herumschlagen.

Klaus Zwickel kann dies nicht gefallen. Der wichtigste Grund: Das nun gewählte Verfahren kann dauern. Bis in allen Bezirken eine Einigung gefunden, diese wiederum in einem bundesweiten Vertragswerk zusammengeführt und schließlich in den Betrieben umgesetzt ist, werden Wochen und Monate gehen. Kostbare Zeit, die nicht nur den Arbeitslosen fehlen wird, um die es ja eigentlich geht, sondern auch der IG Metall. Denn ihr Angebot, von 1997 an Zurückhaltung beim Lohn zu üben, hängt weiterhin von der ohnehin wenig realistischen Bedingung ab, daß in diesem Jahr in der Metallbranche 110 000 neue Jobs geschaffen werden. Je dürftiger die Arbeitsplatzbilanz am Jahresende ausfällt, desto mehr Ärger wird Zwickel mit seiner eigenen Basis bekommen, wenn er bei seiner Offerte bleibt. Diese aber ganz in den Papierkorb zu werfen und zu den Lohnkämpfen alter Art zurückzukehren, kann sich die Gewerkschaft kaum leisten.

Zudem ist es dem IG-Metall-Vorsitzenden mit seiner Bündnis-Idee unversehens gelungen, den wegen ihrer Lohnpolitik kritisierten und wegen der "Tarifrituale" belächelten Gewerkschaften einen innovativen, offensiven Anstrich zu geben. Um dieses Image zu pflegen, sind spektakuläre Spitzengespräche und trilaterale Einigungen zwischen Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften sehr willkommen. Doch nun sind den Matadoren erst einmal die Hände gebunden. Wird das Geschäft auf die Ebene von Tarifkommissionen und Verbandsgeschäftsführern in der Provinz hinabdelegiert, droht der frische Schwung, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, schnell zu erlahmen.

In der Sache freilich spricht einiges für regionale Verhandlungen. Denn gerade die geplanten Arbeitszeitmodelle können nur mit Leben gefüllt werden, wenn sie von denen akzeptiert werden, die sie am Ende umsetzen müssen: den Unternehmensleitungen und Betriebsräten. Neue Jobs werden nur dann entstehen, wenn die Betroffenen sich nicht einmal mehr mit dem Argument herausreden können, die Vereinbarungen seien Kopfgeburten realitätsferner Funktionäre. Nur wer in die Verantwortung genommen wird, muß am Ende auch Rechenschaft ablegen.

Und doch offenbart der Rückzieher von Gesamtmetall eine beunruhigende Schwäche. Nach jahrelangen, zähen Debatten um eine zukunftsfähige Tarifpolitik ist, angesichts des enormen Drucks von Globalisierung und Arbeitslosigkeit, endlich Bewegung zu spüren. Zwickels aufsehenerregender Vorschlag und die Unterstützung, die er bei vielen Gewerkschaften gefunden hat, ist nur das eine Beispiel. Die IG Bauen-Agrar-Umwelt, vor kurzem noch stolz auf überdurchschnittliche Lohnabschlüsse, verhandelt über einen abgesenkten Mindestlohn, um das umstrittene Entsendegesetz doch noch zu retten. Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft, wiewohl noch immer Außenseiter und mit ihren Vorschlägen im Gewerkschaftslager kaum mehrheitsfähig, bietet betriebliche Öffnungsklauseln an, um in bedrängten Unternehmen Arbeitsplätze zu sichern. Kaum eine Organisation, die nicht für flexible Arbeitszeiten ist.

Ausgerechnet jetzt präsentiert sich der wichtigste Arbeitgeberverband als nur bedingt handlungsfähig. Gewiß, die Krise, die Gesamtmetall im vergangenen Jahr paralysiert hat, wirkt noch nach. Der neue Hauptgeschäftsführer Werner Stumpfe, der im Sommer auch das Präsidentenamt übernimmt, ist im eigenen Lager umstritten. Kein Wunder, daß er zunächst vorsichtig agiert, zumal sein Vorgänger Dieter Kirchner nicht zuletzt über den Versuch gestürzt ist, die Macht der Zentrale auszubauen.