Eckhardt Rehberg, Fraktionsvorsitzender der CDU im Schweriner Landtag, verströmt mecklenburgische Unerschütterlichkeit. Rundlich und bescheiden, scheint er alles andere als ein Rebell zu sein, allenfalls einer aus Versehen. Den Bonner Aufruhr, der seit zwei Wochen um sein "Diskussionspapier zur Werte- und Strategiedebatte ,CDU 2000` in Mecklenburg-Vorpommern" tobt, hat er nicht gewollt: "Aus dem Papier erklärt sich der nicht. Alles war bekannt, konspirativ war nichts."

Mit zwei Mitarbeitern hatte Rehberg eher locker ein halbes Jahr lang dütt un datt zur Lage der Fraktion im Osten aufgeschrieben, und am Ende waren dreißig Seiten beieinander, die eine Überschrift brauchten. Die lautet nun: "Identitätsgewinn im Aufbau Ost". Auf dem Papier steht viel Hehres über große Werte wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit und allerlei Praktisches, das geeignet wäre, die Alltagsarbeit einer jeden politischen Partei zu verbessern. Nichts, was jemanden veranlassen könnte, zum Telephon zu greifen und hineinzubrüllen.

Der Parteivorsitzende Helmut Kohl tat es dennoch. Er mißverstand Rehbergs Elaborat als Gefahr aus dem Osten für die Christenunion. Dem Kanzler der Einheit und seinem Generalsekretär Peter Hintze muß die schlichte Erwähnung der Wörter "Identität" und "Ost" in einer Zeile wie ein Akt der Sezession vorgekommen sein.

Dabei wollte Rehberg gar nicht aufmucken, sondern lediglich dem bösen Feind PDS, der die Ostidentität zum Parteiprogramm erklärt hat und damit nachhaltige Stimmerfolge feiert, ein paar Wähler abspenstig machen: "Wenn die Union die absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern nicht bekommt, wird es Regierungen von SPD und PDS geben. Die PDS, als reine Ost- und reine Oppositionspartei hat es eben leicht, Selbstbewußtsein zu erzeugen. Im Oktober '94 haben wir bei der Landtagswahl 14.000 Stimmen an sie verloren. Ich habe einen erheblichen Dissens zum Generalsekretär Hintze, was den Umgang mit den PDS-Wählern betrifft. Man muß den Leuten mit inhaltlicher Diskussion kommen, nicht mit pauschaler Beschimpfung. Ich kann doch den PDS-Bürgermeister aus dem Nachbarort, der sich rührig um Straßenbeleuchtung und Gehwege bemüht, nicht zum Verfassungsfeind stempeln und ihm ständig vorhalten, daß er mal in der SED war."

Statt mit Rote-Socken-Kampagnen die exsozialistische Wählerschaft zu verprellen, will Rehberg lieber von der Partei des Demokratischen Sozialismus siegen lernen. Aus seinem Papier: "Die SED-Nachfolgeorganisation PDS bietet allen Menschen . . . eine Art politische Ersatzheimat und populistisch einfache Lösungen für die allgegenwärtigen Alltagsprobleme." Konsequenz für die CDU: "Entscheidend ist, in den Städten und Gemeinden, im vorpolitischen Raum als Ansprechpartner für alle Belange insbesondere für soziale und wirtschaftliche Probleme erkannt und akzeptiert zu werden." Und Rehberg selber sagt dazu: "Wir müssen uns eine Basis schaffen in der Bevölkerung, nicht nur bei Hunde- und Schützenvereinen, sondern wir müssen auch dahin gehen, wo's weh tut."

Warum also die Bonner Wut auf Freund Rehberg aus Riebnitz-Damgarten? Rehberg meint sibyllinisch: "Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm paßt." Will sagen: Die CDU hat ausreichend Grund, einen Aufstand im Osten zu fürchten, zumindest scheint sie ein schlechtes Gewissen zu haben. Die letzte Sünde liegt erst gerade zurück.

"Ich war schockiert, als ich vor ein paar Tagen von der Abschaffung des Solidaritätszuschlags erfuhr", sagt Rehberg. "Im ,heute journal` wurden Bürger befragt, was sie von der Abschaffung halten, und die Wessis sagten: ,Gut. Die bau'n sich ja eh nur goldene Bürgersteige von unserem Geld.` Da war bei mir die Ernüchterung groß. Schauen Sie sich doch um hier in Riebnitz-Damgarten. Die Hauptschule da drüben", Rehberg zeigt durch das Fenster seines Wahlkreisbüros, "hat ein Asbestdach. Ich glaub' nicht, daß so eine in Bayern steht. Doch die Verschwendungsdebatte trägt nun Früchte."