BERLIN. - "Was haben wir dieser Kirche alles angetan. Zersägt! Putz abgekratzt! Stahl und Glas verwendet, die Emporen erhöht!" Joachim Ritzkowsky, Pfarrer an der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg, beschreibt den Umbau des Gotteshauses, der nach rund zwölf Jahren nun abgeschlossen ist. Zu groß, zu unhandlich war die Berliner City-Kirche am Blücherplatz geworden, die der Architekt Johannes Otzen seinerzeit gebaut hatte. 1888 wurde sie eingeweiht und galt als prächtigste Kirche im Quartier. Ihre Entstehung verdankte sie dem Repräsentationsbedürfnis des preußischen Königshauses. "Die allerhöchste Person, der Kaiser, begab sich in die Heilig-Kreuz-Kirche, um dem Höchsten Dank zu sagen."

Ein Jahrhundert später soll nun auch die Basiskultur von Kreuzberg hier Raum finden. Die Idee dazu stammt aus der Zeit der Hausbesetzungen. In den achtziger Jahren war die Gemeinde gegen jede Gewalt und für eine neue sozialere Wohnungspolitik eingetreten und hatte den Hausbesetzern sogar ihre Räume für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. Ähnlich überfüllt wie damals war die Kirche jetzt am Tag der Wiedereröffnung. Eine buntgemischte, fröhliche Gesellschaft hatte sich eingefunden; viele der am Bau Beteiligten waren gekommen.

"Die Kirche darf nicht museal werden", sagte Superintendent Lothar Wittkopf auf dem Symposium, das die Wiedereröffnung begleitete. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, auf welche Weise sich große Innenstadtkirchen heute für die kirchliche Arbeit, die Kultur- und Bildungsarbeit und für soziales Engagement gleichermaßen nutzen lassen - ein Problem, das man beim Umbau der Heilig-Kreuz-Kirche beispielhaft zu lösen versuchte.

Die Denkmalspflege mußte sich dabei dem Nutzungskonzept der Gemeinde klar unterordnen: Nicht Altäre, nicht äußere Pracht machen das Gotteshaus aus, sondern der Kirchenkörper wurde nach außen geöffnet. Große, bis auf den Boden reichende Fenster lassen das Licht herein und gestatten den Einblick von außen. Pfarrer Ritzkowsky findet das nur folgerichtig, wenn sich die Kirche für vielerlei eignen soll: "Ein Denkmal bleibt dadurch erhalten, daß es lebt."

Theologieprofessor Reinhard Volp, Spezialist für den Wiederaufbau und die Neunutzung von Kirchen, erprobte mit den Symposiumsteilnehmern gleich die neue Flexibilität. Mit den Stühlen - festmontierte Bänke gibt es nicht in dieser Kirche - sollten die Zuhörer verschiedene Positionen innerhalb des Raumes einnehmen: zunächst im Chorraum, von dem aus man in die Kirche hineinblickt; dann in der Mitte, im Kreis um den transportablen runden Altar herum, der nicht länger festgefügt im Altarraum thront. Wie eine Art Marktplatz soll der Innenraum der Kirche frei sein für Veranstaltungen verschiedenster Art. Reinhard Volp: "Kein Bau in unserer Gesellschaft ist so schwierig wie ein Kirchenbau. Wie geben wir Gott Raum? Die Kirche muß von einliniger Predigtkultur abkommen."

Das Dachgeschoß der Heilig-Kreuz-Kirche wurde für Gemeinde- und Pfarrbüros ausgebaut, steile Treppen und ein gläserner Fahrstuhl führen in die hoch gelegenen Räume. Für die Asylberatung, eines der zentralen Themen der Gemeindearbeit, wurde eine der großen Seitenemporen umgestaltet.

Mit der Architektur sollen sich auch andere überholte Strukturen ändern: Kirche nicht mehr als Institution zur Absicherung staatlicher Machtansprüche, sondern als öffentlicher Ort für alle, als Projekt von Staat und Kirche, die auch den Umbau gemeinsam finanzierten. Er wurde erst durch die neugegründete Beschäftigungsgesellschaft Statt-Bau GmbH, mit der Kirchengemeinde als Gesellschafter, möglich. Durch diese Konstruktion (die die staatlichen Stellen zur Bedingung machten, um sich an dem Bau zu beteiligen) konnten über hundert Langzeitarbeitslose im Maurer-, Tischler- und Schlossergewerk angelernt und qualifiziert werden. Die Baukosten sanken dadurch um insgesamt 3,5 Millionen.