Gräfin, Sie sind fünfzig Jahre bei der ZEIT. Und wir meinen, Sie sind auch die ZEIT. Das Schreiben macht Ihnen offenkundig immer noch Spaß. Marion Gräfin Dönhoff: Das mit der ZEIT will ich nicht gelten lassen. Aber ich könnte ohne Schreiben gar nicht leben, das ja. Anfangs allerdings haben Sie doch Ihre Kollegen lange Zeit als "ihr Journalisten" angeredet.

Dönhoff: Nur dann, wenn sie, wie ich dachte, ganz verrückte Meinungen hatten. Am Anfang war der Beruf in gewisser Weise leichter. Wir hatten zwölf Jahre lang unter diesen Verbrechern gelitten, und ich hatte immer gedacht, wenn die mal weg sind, bauen wir einen richtigen Rechtsstaat auf, und dann werden wir in diesem Land die beste Zeitung machen, die es überhaupt gibt. Von daher waren wir sehr motiviert und kolossal engagiert. Nach allem, was gewesen war, nach dieser Infiltration von Demagogie, wollten wir dem Leser Material bieten, damit er sich selber seine Meinung bilden kann, wir wollten ihn nicht indoktrinieren.

Später, als Theo Sommer Chefredakteur war, haben wir das so weit getrieben, daß er und ich, wenn wir über ein Thema verschiedener Meinung waren, sie beide auf der ersten Seite darlegten. Er schrieb zum Beispiel, warum er fand, ein Fassbinder-Stück in Frankfurt solle aufgeführt werden, und ich, warum ich dagegen war. Der Leser, der sich nicht - wie wir - zehn Stunden am Tag mit Politik beschäftigen kann, soll die Möglichkeit haben zu sagen: Dies ist richtig, und das ist falsch!

Das ist doch ein sehr aufklärerischer Idealismus. Was hat Sie diesen Idealismus vertreten lassen nach der Erfahrung, wie anfällig für Demagogie und Verführung die Leute gewesen sind?

Dönhoff: Ich war aus einem einfachen Grunde dagegen verhältnismäßig früh gefeit: Ich hatte Hitler schon 1928 gesehen. Ich war damals in der Oberprima, und unter den Mitschülern gab es zwei Jungs, nette, tüchtige Kerle, die sich für eine neue Partei begeisterten, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, und mich auch dafür interessieren wollten. Nationalismus und Sozialismus, das hat mir sehr eingeleuchtet, das hielt ich für eine gute Kombination für dieses kaputte Land. Diese beiden Jungs sagten mir eines Tages, der Führer dieser Partei, Adolf Hitler, werde in irgendeinem Saal in Berlin reden. Ich bin daraufhin von Potsdam, wo ich zur Schule ging, nach Berlin gefahren und konnte drei Stunden lang aus nächster Nähe beobachten, wie Hitler vor den begeisterten Zuhörern tobte und geiferte. Ich kam zurück und sagte zu den beiden Kameraden: "Ohne mich; nie will ich mit denen etwas zu tun haben!"

Dennoch konnte ich viele andere gut verstehen: Es gab sechs Millionen Arbeitslose, ungefähr ein Viertel der Bevölkerung, und die kriegten pro Woche für die Familie 10,50 Mark. Es war wirklich eine elende Hungerei. Die Mittelschicht, das Bürgertum, war in der Inflation verarmt, außerdem gab es diese wahnsinnigen Reparationen, und wer Soldat und Offizier gewesen war, sprach nur vom "Schandvertrag von Versailles". Damit war alles bereitet für jemanden, der skrupellos und machtbesessen daherkam.

Meist siegt ja die Ideologie über die Aufklärung, weil sie die schrilleren Argumente hat und mehr Versprechungen machen kann.