ITZEHOE. - Es ergeht der Stadt nicht anders als anderen "Mittelstädten" in der Nähe von Großstädten: schwer, von sich reden zu machen. Kultureller Ehrgeiz und kulturelles Glück relativieren sich am übermächtigen Nachbarn, und der ist, fünfzig Kilometer südöstlich, Hamburg. So hat es selbst das Einzigartige nicht leicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vor knapp vier Jahren bekam Itzehoe ein zauberhaftes Theater, entworfen von einem Weltberühmten, dem Kölner Architekten Gottfried Böhm - und im letzten Sommer endlich das lange herbeigewünschte Wenzel-Hablik-Museum, untergebracht im oberen Stockwerk des Kunsthauses in der Reichenstraße 21, eines klassizistischen Kaufmannshauses. Es liegt gleich neben dem neuen Rathaus und gegenüber dem schönen alten.

Man mag darüber lamentieren, ob nicht das einzige Haus, das der Maler gebaut hat, sein eigenes Haus in der Talstraße 14 mit der klaren Fassade und dem mystischen Dunkel im Inneren der eigentliche Ort dieser expressionistischen "Exotik des ganz Andersartigen" gewesen wäre - immerhin hat es die Stiftung der beiden Hablikschen Töchter geschafft, damit ins Kunsthaus zu kommen. Hier hat die Hinterlassenschaft ihre feste Bleibe und präsentiert den Maler und Zeichner und Kunsthandwerker jetzt zum erstenmal im ganzen Haus und mitten in der Stadt, in die es den Böhmen Hablik (1881 bis 1934) über Wien und Prag verschlagen hatte. Man begegnet vor allem dem Maler märchenhafter Architekturphantasien, mit denen er früher als die bekannteren Helden der expressionistischen Moderne, als die Brüder Taut und Luckhardt, als Gropius, Häring, Scharoun, von sich reden gemacht hatte.

Hablik gehörte nicht nur dem enragierten Berliner Arbeitskreis für Kunst an, sondern auch Bruno Tauts Briefbund der Gläsernen Kette von 1919. Damals hatte es wenig zu bauen gegeben, also entlud sich, aufgewühlt durch den Weltkriegsschock, der Schaffens- und der Weltveränderungsdrang in den Köpfen und schließlich auf Papier und Leinwand, hoffend, daß die phantastische Architektur den neuen Menschen beflügele - so wie es Hablik mit seinen fliegenden Wohnmaschinen tat, ganzen "Luftkolonien", Häusern und Türmen, die wie Kristalle konstruiert sein sollten, mit scharfen Spitzen und gewaltigen Kuppeln.

In all dem wirbelt die Utopie von der "neuen brüderlichen Gemeinde der Menschheit", türmen sich "Kristallträume", wie sie der Dichter Paul Scheerbart, der "Glaspapa" in Berlin, in seinen skurrilen Romanen besungen hat. Viel Pathos dabei, viel kosmische Komik, nicht zuletzt eine rührende, naive Hoffnung, Menschen ließen sich bessern und die Welt auch, mit der sie leben und die sie sich bauen - nachzuträumen mit Wenzel Hablik in Itzehoe (Ausstellung bis 24. März, Katalog 35 Mark).