BONN. - Bündnis für Arbeit, 50-Punkte-Katalog: Deutschland möchte anscheinend wieder einmal Maßstäbe setzen im gesamtwesteuropäischen Wettbewerb um arbeitsplatzförderndes Kürzen, Sparen und Streichen. Dem ausländischen Beobachter freilich fällt auf, wie zurückhaltend die Programme ein Thema behandeln, das ihm als typisch deutsch erscheinen will und das ein kluger Kopf auf die Formel brachte: Die deutsche Bürokratie ist nicht besser als anderswo, sie ist nur gründlicher. Oder sagte der Mann: sturer?

Wie auch immer: Die deutsche Bürokratie ist offensichtlich ein gravierender Standortnachteil. Das bestätigte mir letzthin die Lektüre einer simplen Gebrauchsanweisung für einen Ofen, ein norwegisches Fabrikat, das in der Hütte der Freunde nahe eines Fjordes wunderbar funktionierte und wohl auch auf dem europäischen Markt gute Chancen hat. Jedenfalls war die Gebrauchsanweisung in sechs Sprachen abgefaßt: eine Seite Norwegisch, eine Seite Englisch, eine Seite Französisch, eine Seite Spanisch, eine Seite Italienisch. Und dann drei (!) Seiten Deutsch.

Was zweifellos mit den besonders komplizierten deutschen Vorschriften zusammenhängen muß. Zwar können wir nicht ausschließen, daß der Ofen ebenso gern in Österreich oder der Schweiz Wärme verbreiten würde, aber diese Märkte sind im Vergleich zu Deutschland ja eher Petitessen, weshalb wir getrost davon ausgehen dürfen, daß die norwegischen Ofenbauer bei der Formulierung ihrer deutschen Gebrauchsanweisung hauptsächlich an die deutsche Kundschaft gedacht haben.

Und dabei mußten sie Finessen, detaillierte Bestimmungen, höchst komplizierte Überlegungen berücksichtigen, die den anderen Europäern offenbar unbekannt sind. Während Bruksanvising, Users instructions, Mode d'emploi, Instrucciones de uso und Istruzioni per l'utente nämlich dem gesunden Menschenverstand der Benutzer vertrauen und sich mehr oder weniger darauf beschränken, Öffnen und Schließen des Ofens sowie sein Lüftungssystem und die korrekte Installation zu erklären, gibt sich die deutsche Aufstellungs- und Bedienungsanleitung mit diesem Crashprogramm keineswegs zufrieden. Sie will vielmehr das Wesen eines Ofens definieren, also ein Idealbild herstellen, und braucht dafür nicht weniger als fünf Unterkapitel.

Woraus wir lernen: Deutschsprachige, also ganz gewiß auch Deutsche, sind nicht etwa schwerer von Begriff als andere, ganz im Gegenteil. Nur wollen sie den Dingen, in diesem Falle also einem norwegischen Ofen, halt unbedingt auf den Grund gehen. Und lesen deshalb nicht etwa die eigentliche Bedienungsvorschrift zuerst - die folgt erst auf Seite 2, Kapitel III -, sondern widmen sich erst einmal den "Allgemeinen Warnhinweisen", Kapitel I. Zweifellos eine deutsche Spezialität, die als solche unsere volle Aufmerksamkeit verdient; seltsamerweise glauben die fünf anderssprachigen Anleitungen, auf sie verzichten zu können.

Indes sind die, welche diese speziellen Hinweise für das deutsche Publikum nicht zur Kenntnis nehmen wollen, selber schuld. Gleich in Punkt 2 der Allgemeinen Warnhinweise würden sie nämlich daran erinnert, daß sie einen eisernen, also schweren Ofen gekauft haben, weshalb zu seinem Transport "nur zugelassene Transporthilfen mit ausreichender Tragfähigkeit verwendet werden dürfen". Also bitte keine Fahrräder. Punkt 3 der - wir wiederholen es - exklusiv an deutsche Kunden gerichteten Warnungen dekretiert klipp und klar: "Ihr Heizgerät ist nicht zur Verwendung als Leiter oder Standgerüst geeignet." Wie gut, daß uns das jemand sagt.

Doch erst mit Punkt 4 erreichen die fürsorglichen Mahnungen ihren Höhepunkt: "Durch den Abbrand der Brennmaterialien wird Wärmeenergie frei", lesen wir dort wörtlich, "die zu einer starken Erhitzung der Oberfläche und des Rauchrohres führt." Aha. Das allerdings ist uns nicht ganz neu, schließlich haben wir ja einen Ofen gekauft.