So sind wir, ob aufgeklärt oder nicht: Angstgeprägt wollen wir es "vorher" wissen, und wir wollen es genau wissen. Die Vorgänger derer, die heute in Horoskopen blättern, aus der Hand lesen lassen oder das Pendel beobachten, gingen selber oder schickten nach Delphi, wo beim Tempel des Apollon die priesterliche Seherin Pythia auf ihrem Dreifuß saß, über einer Erdspalte, aus der betäubende Dünste aufstiegen. Ihre unartikulierten Laute wurden von wissenden Priestern den wartenden Ratsuchern gedeutet.

Ob wir nun daran glauben oder nicht, daß möglicherweise zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken, die in unserem anthropozentrischen Denken eigentlich keinen Platz finden: Damals wie heute reagieren wir mit einem "Rate mir, aber rate mir nicht ab!" Die doppeldeutigen Antworten interpretieren wir stets in unserem Sinne; die eindeutig verhängnisverheißenden versuchen wir zu ignorieren, wollen ihren Prophezeiungen aus dem Weg gehen, indem wir die Bedingungen scheinbar ändern. Jedoch: Niemand entrinnt seinem "Schicksal" - lautet die erste Botschaft in "Oedipe", einer 1936 uraufgeführten Oper des schon früh nach Paris emigrierten Rumänen Georges Enesco (1881 bis 1955).

Bei Sophokles hatte die Sphinx, während sie die Stadt Theben belagerte, noch etwas "um die Ecke gedacht", indem sie allen, die an ihr vorbeiwollten, auf Leben oder Tod das Rätsel stellte, wer oder was denn "morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen" gehe. Bei Georges Enesco und seinem Librettisten Edmond Fleg(enheimer) lautet ihre tödliche Frage, was denn wohl "größer als das Schicksal" sei. Dieser Oedipus, der zwar wie ehedem seinem Orakel-Schicksal scheinbar Widerstand leistet, aber längst ein aufgeklärtes Weltbild besitzt und entsprechend reagiert - auch er kann ja nichts beweisen, sondern nur sein intensivstes Wollen dokumentieren: "Der Mensch ist stärker als das Schicksal." Die Operndramaturgie will es, daß die Sphinx sich von dieser Antwort zufriedengestellt und besiegt fühlt - aber ihr langsam verhallendes kreischendes Lachen läßt erahnen, daß da wohl noch etwas nachkommt.

Trotzdem oder gerade deshalb muß offenbleiben, ob Oedipus, wenn er am Ende geblendet, aber wie mit einem inneren Auge sehend in das Reich der Eumeniden wandert, wirklich stärker war oder ist. "Erkenne dich selbst!" hieß es einst über dem Eingang zum Apollon-Tempel, steht es heute den ganzen Opernabend immer wieder auf einem als Zwischenvorhang fungierenden Schiebetor. Hat er sich, haben wir uns erkannt? Antigone, die zurückbleibende Tochter des Oedipus, sitzt zu den letzten Takten vor genau jenem Altar-Tisch-Podium-Brunnen, auf dem Jokaste zu Beginn den Oedipus gebar - in ihren Armen einen ähnlichen Menschenwurm, von dem niemand weiß, wie sie ihn empfing. Ein mythisches Spiel von dem in Spiralgängen ablaufenden ewigen Ineinander von Geburt und Tod. Wie erkennen wir, wer für unser Schicksal an der Spirale dreht?

Im bewußten Annehmen des Vorherbestimmten, ja selbst des unverschuldeten Schuldigwerdens zeigt sich menschliche Erkenntnis und, ja, Größe - diese Einsicht bestimmt den Parabelcharakter der Inszenierung von Götz Friedrich (Bühne: Gottfried Pilz und Isabel Ines Glathar). Und so nehmen wir teil an einem Chiffren-Spiel, das seine Bilder aus unterschiedlichsten historischen wie aktuellen Schichten bezieht, das "Öffentlichkeit" durch die Öffnung des sichtbaren Raumes definiert, Menschliches über das Numinose stellt, für das Nicht-Darstellbare abstrakte Formen findet (etwa die vieläugig omnipräsente Sphinx) und so ständig wieder in sich selber rätselhaft bleibt. In dem, andererseits, gelegentlich von einer Geste, einer Haltung, einer unterbrochenen Bewegung Ahnungen, Gedankenverbindungen, Horrorvisionen abzulesen sind, menschliche Grundbefindlichkeiten ins Zentrum gerückt werden und so das klassische Mitleid erzeugen.

Georges Enesco, frühvollendeter Geiger, Pianist, Dirigent und Lehrer, faßte den Plan zu einer Oper 1906 als Fünfundzwanzigjähriger, entschied sich für den Oedipus-Stoff nach einer Sophokles-Aufführung in der Comédie-Française - und mußte seine Inventionen und Absichten über einen Weltkrieg und eine Revolution, die Weltwirtschaftskrise und den beginnenden Nationalsozialismus hinwegretten. Die Lebens-, Leidens- und Erkenntnisphasen des Oedipus, die bei Sophokles noch zwei Tragödien füllten, sind zu sechs Bildern verdichtet, in denen der Symphoniker Enesco die Strukturen bestimmt: orchestrale Orgien und kammermusikalische Details; fast nur mit einer Erkenntnislupe wahrnehmbare Thematik, deren farbige Atmosphäre sinnlicher erscheint als die kunst- und bedeutungsvoll abgewandelten Motive. Eine affektive, eine eruptive Musik also, die unmittelbar mitreißt, in Atem hält, sich um einen legt, für das beinahe Rituelle gewinnt; die auch ein bißchen benebelt, dann wieder sich distanziert; von neuem Mitleid weckt, eine wirkliche Katharsis erzeugt.

Fast unvorstellbar, daß ein so starkes Musiktheater auf der Grenze zwischen Tragödie und Mysterium, zwischen naivem Bilderbuchglauben und weltdeutender Parabel von uns ein halbes Jahrhundert lang so gut wie nicht beachtet wurde. Lawrence Forster, der es 1989 für die Platte einspielte, hat die Partitur jetzt vorsichtig, sensibel und klug, kurz: unauffällig gestrafft, was die Kraft des Werkes durchaus noch stärkt. Der Revitalisierungsversuch in der Deutschen Oper Berlin ist dank konsequenten Gesamtkunstwerk-Denkens und exzellenter Ensembleleistung in einer aufregenden Weise gelungen.