Belgrad

Es ist ein seltsames Gefühl, Slobodan Milosevic im kleinen Kreise gegenüberzusitzen. Der Mann hat Manieren. Sein Benimm bei Tisch ist ohne Tadel. Er spricht ein wohlgesetztes, nuancenreiches Banker-Englisch. Er weiß Charme zu entfalten. Man könnte ihn gewinnend nennen. Der Gast an seiner Tafel muß sich ab und zu unter der Serviette in den Oberschenkel zwicken, um nicht zu vergessen: Slobodan Milosevic hat die Tragödie auf dem Balkan zu verantworten. An seiner großserbischen Sturheit zerbrach Jugoslawien. Er gab den Angriffsbefehl gegen Slowenien und Kroatien. Er trägt die Hauptschuld an Mord und Totschlag, Brandschatzung und Vertreibung in Bosnien. Und im Kosovo könnten seine Büttel leicht die nächste Krise herbeiknüppeln.

Nach Meinung der meisten Menschen in der westlichen Welt gehört Milosevic auf die Anklagebank des Internationalen Tribunals im Haag: als Hauptkriegsverbrecher. Aber er amtiert noch ungeniert als Präsident Serbiens - im eigenen Lande umstritten, doch politisch kaum gefährdet, von der Weltgemeinschaft beargwöhnt, doch zugleich hofiert. Er wird gebraucht. Ohne ihn hätte es in Dayton kein Friedensabkommen gegeben, und zieht er nicht mit, so bleibt es ein Fetzen Papier.

Gewissensbisse über sein Handeln in den zurückliegenden sieben Jahren plagen Milosevic nicht. Seit er auf dem Luftstützpunkt Wright-Patterson aus der Rolle des Kriegsbrandstifters in die des Friedensengels schlüpfte, trägt er ein strotzendes Selbstbewußtsein zur Schau. Es überstrahlt seine bullige Gestalt wie ein Heiligenschein.

Im Empfangssalon des Präsidentenpalais dominieren Marmor, Samt und schwere Sitzmöbel. Milosevic läßt Williamine als Willkommenstrunk reichen. Breitbeinig sitzt er im Sessel, die Hand auf der Armlehne ballt sich zur Faust. Er beugt sich vor und doziert: "Das Bild Serbiens ist im Ausland vom Beginn der Krise an verzerrt worden. Die Krise wurde ausgelöst durch bewaffnete Sezession. Wir waren dafür, den multinationalen Staat zu erhalten - aber uns schimpfte man Nationalisten! Der Nationalismus wurde uns aufgezwungen." Die Balkanexperten des Westens sehen dies ganz anders. Nach ihrer Lesart hat Milosevic durch seine brutale Serbisierungspolitik im Kosovo die westlichen Republiken geradezu zum Abfall von Jugoslawien herausgefordert. Der Satz, den er am 28. Juni 1989 in seiner Rede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld sprach, dem Jahrestag der bitteren serbischen Niederlage gegen die Türken, alarmierte nicht nur Slowenen und Kroaten: "Sechshundert Jahre spä-