Rio de Janeiro

Halleluja! Halleluja!" brüllt und kreischt es unter dem Wellblechdach. Barbara Abréu dos Santos, alleinstehende Mutter von fünf Kindern und dunkelhäutig wie alle aus der Favela Guadalupe, reißt ihre Arme empor. Die Tränen fließen ihr über die Wangen, dann sackt sie zusammen und wimmert. Der Gottesdienst in der Garage geht seinem Ende entgegen.

"Jesus Christus hat mich erhört. Er hat mein Leben verändert. Seit ich zu ihm gefunden habe, geht es mir besser. Dieses Haus habe ich ihm zu verdanken", behauptet Barbara und deutet auf das durchgesessene Sofa, den Fernsehapparat und den Herd in ihrem Verschlag aus Brettern und Pappkarton. Barbara Abréu dos Santos ist eine crente. So nennt man in Brasilien die "Bibelgläubigen". Dreimal in der Woche folgt sie dem Ruf der "Versammlung Gottes", so wie Millionen Menschen in Lateinamerika, die sich den "evangelikalen" Pfingstkirchen und Erweckungsbewegungen anschließen.

Doch bezeichnen sich die meisten Lateinamerikaner als katholisch. Aber die Anhänger der vielfältigen protestantischen Kirchen und Sekten sind heute schon zahlreicher als die Katholiken, die regelmäßig zur Messe gehen. Zusammen haben die evangelikalen Glaubensgemeinschaften mehr Mitglieder als irgendeine andere Massenorganisation auf dem Kontinent: Vor zwanzig Jahren waren die Nichtkatholischen nur eine winzige Minderheit - heute zählen sie mehr als fünfzig Millionen in Lateinamerika. Wenn die Sekten weiter so wachsen, dann werden in wenigen Jahren in Brasilien, El Salvador, Puerto Rico und Guatemala und selbst in Chile die meisten Christen nicht mehr katholischen Glaubens sein.

Ist der "Katholische Kontinent", den der Papst Johannes Paul II. im Februar erneut besucht hat, also schon ein potemkinsches Dorf? "Die Botschaft wird nicht mehr vernommen", klagt Dom Aloisio Lorscheider, Bischof von Fortaleza. Allein in Brasilien verliert die katholische Kirche jedes Jahr 600 000 Seelen. Im Jahr 1990 sind in ganz Lateinamerika drei Millionen Katholiken zu den Sekten konvertiert.

Die Neue Welt war einst mit Kreuz und Schwert erobert worden. Katholische Kirche und Staatsmacht marschierten Hand in Hand. Nach der gegen Spanien und Portugal erfochtenen Unabhängigkeit trennten sich zwar Kirche und Staat - aber der Katholizismus blieb die inoffizielle, mancherorts sogar die anerkannte Staatsreligion. Die argentinische Verfassung schreibt beispielsweise noch immer vor, daß der Staatschef römisch-katholisch getauft sein muß. So gut wie alle lateinamerikanischen Staaten sind durch Konkordate dem Heiligen Stuhl verbunden. Zusammen mit dem Militär galt die römische Kirche jahrhundertelang als die Säule der Nation.

Die Zeiten änderten sich mit der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellin (1968). Ihr Platz sei an der Seite der Armen und Unterdrückten, verkündeten die Bischöfe - und hoben damit die "Theologie der Befreiung" aus der Taufe. Aber sie blieb die Sache einer intellektuellen Minderheit. Die Söhne der Oberschicht jedenfalls, die bis dahin die Priesterseminare besuchten, waren nicht bereit, in die Slums und Favelas zu gehen, zu den Kranken und Siechen, den Obdachlosen und Verlassenen. Allerdings wäre ohne den Einfluß der Befreiungstheologie die demokratische Öffnung Lateinamerikas in den achtziger Jahren nicht so schnell erfolgt. Die Kirche hatte den Demokraten den Rücken gestärkt. Nur: Die Demokratie und die marktwirtschaftlichen Reformen beseitigten weder die materiellen noch die spirituellen Nöte der Lateinamerikaner. Die Amtskirche hat sich, auf Geheiß des Vatikans, inzwischen längst wieder in die Sakristei zurückgezogen. Die Bischöfe verschließen, wie der Papst, ihre Augen weiterhin vor dem größten Problem des Kontinents, dem rapiden Bevölkerungswachstum; statt dessen predigen sie den Kindersegen - ohne genug dafür zu tun, die Kinder von der Straße zu holen. Die progressiven Theologen aber, denen der Sozialismus wenigstens eine menschliche Alternative schien, stehen nun vor einem Scherbenhaufen. Denn der Papst hat ausgerechnet vor seinem Besuch in Lateinamerika das Ende der Befreiungstheologie verkündet: "Mit dem Fall des Kommunismus ist auch die Theologie der Befreiung zu Ende", behauptete der - und hat damit nicht nur die "Option für die Armen" zum Teufel geschickt, sondern auch die jahrelangen Bemühungen der römisch-katholischen Kirche, sich für soziale Gerechigkeit einzusetzen, zunichte gemacht. "Solche Worte kommen den Mächtigen nur gelegen", bedauert der ehemalige Franziskaner Leonardo Boff, der nach jahrelangen Schikanen dem Vatikan den Rücken gekehrt hat.