Angus MacLeod, unser Busfahrer, schaut verdutzt, als ich einsteige. Meine Kinder kutschiert er jeden Morgen von Polbain in die vierzig Kilometer entfernte Oberschule. Aber was will ich? Als ich ihm sage, ich sei unterwegs zum Frühstücken nach Udine, denkt er wahrscheinlich, der Reiner flippt jetzt aus. Wie Jock, sein anderer Passagier an diesem frostigen Mittwochmittag im Februar. Jock war früher einmal auf dem besten Weg zu einem respektablen Lebenswandel als Familienvater und Meeresbiologe. Jetzt haust er ganz hinten, wo die kleine Straße auf unsere bergige Halbinsel im schottischen Nordwesten unter den hoch aufragenden Felsmassen des Ben Mhor endet, in einem roten, mit orientalischem Klimbim und New-Age-Symbolen vollgestopften Stahlcontainer, züchtet Fische und hält sich mit halluzinogenen Pilzen bei Laune.

Nach Udine?

Ja, in Italien. Ganz im Osten, halbwegs zwischen Triest und den Alpen, unweit der slowenischen Grenze. Eine Reise quer durch Europa im Bus. Eine Reise, bei der es um den Weg geht, nicht um das Ziel.

Für den Bus spricht die Umwelt. Ich las einmal eine Aufstellung des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg, der zufolge ein Buspassagier durchschnittlich 1,7 Liter Treibstoff pro hundert Kilometer verbraucht. Im Zug sind es 3,2 Liter, im Flugzeug 10 Liter und im Auto zwischen 2 Litern bei fünf Mitfahrern und 10,3 Litern für einen Alleinfahrer. Und auch der Zeitgeist spricht dafür. Der Bus erlebt - zumindest in Großbritannien - eine Renaissance als Transportmittel Nummer eins der Jugend. Warum? Es ist billig, und es hat einen Hauch von Wohlstandsprotest. Es ist das Fahrzeug der Außenseiter, der Alternativen und der Glasgow-Kids.

Was es mit dem Frühstück auf sich hat?

Ein Jugendspleen, der mir kürzlich aus den Tiefen der Erinnerung wieder in den Sinn kam. Vermutlich der Beginn der Midlife-crisis, wenn alte Marotten aus dem Unterbewußten auftauchen. Es war, glaube ich, nach der Abiturfeier, ich ging in München zur Schule, als ein Typ aus der Parallelklasse in den frühen Morgenstunden auf die Idee kam, zum Frühstück nach Udine aufzubrechen. Er hatte einen klapprigen, alten VW, und wir fuhren los. Zur Senkung des Alkoholspiegels und übermüdet machten wir in einer Kiesgrube neben der Salzburger Autobahn Rast. Als wir zu uns kamen, dörrte die Sonne uns das Hirn aus dem Schädel, und der Wagen streikte. Wir brachen das Unternehmen ab. Ein paar Jahre später endete ein zweiter Anlauf vorzeitig in einem Weingut in Bozen.

Bis hier in den hohen Norden ist die Renaissance des Busses offensichtlich noch nicht vorgedrungen. In Altandhu gabeln wir eine junge Frau mit Baby auf. Dann steuert Angus sein Gefährt auf das andere Ende der Halbinsel, nach Reiff. In drei Jahren, sagt Angus, habe er dort viermal einen Passagier aufgelesen. Jock ist, "nur mal so", unterwegs nach Ullapool. Mal hören, was sich dort tut. Russische Fabrikschiffe sind in der Bucht vor Anker gelaufen, und die Gerüchteküche produziert wilde Geschichten von Milliardenbeträgen, die jetzt zwecks Geldwäsche durch den kleinen Hafen geschleust würden. Jock beglückt uns mit einem viertelstündigen Diskurs über das nahe Scheitern des Kapitalismus. Angus hüllt sich in Schweigen.