Stehen wir vor einer Zäsur? Gehen nun die Träumereien und Polemiken am Rande der Baugrube einem Ende entgegen? Müssen wir uns nach den Riten der Baugrubeninszenierungen nun auf Serien der Einzugsfeierlichkeiten einstellen? Ist der 29. Februar, die Eröffnung der Galeries Lafayette in der Friedrichstraße, ein historisches Datum für die Stadt?

Jedenfalls wird nun allmählich aus den Begriffen des "Berliner Architekturstreites" eine städtische Realität, mit der Berlin leben muß. Der Leitartikler des Tagespiegels stöhnt: "Sind wir denn alle Architekturkritiker geworden?" Und er hat recht. Die designierte Hauptstadt tritt eben nicht als Schauplatz der Politik, sondern als Bauplatz in der Öffentlichkeit auf.

Aber war es so unvermeidlich, daß die Architekturkritik in Berlin, statt eine animierende Beschäftigung mit der Zukunft der Stadt zu sein, zur freudlosen Alltagslast mutierte, so unvermeidlich wie die Hundehaufen am Straßenrand? Eine Debatte, zu der sich jedermann berufen und gezwungen sieht, wird eben auch zur Jedermannsdebatte bis hin zur SPD-Linken, die kürzlich ihr urbanistisches Verständnis in die Formel brachte: "Bezahlbare Wohnungen statt Traufhöhe". Wir wollen nicht, was war; wir mögen nicht, was entstehen soll; warum also warten wir dennoch mit Ungeduld auf die Fertigstellung? Selbstverständlich werden wir uns unter den Glaskegeln von Jean Nouvel am 29. Februar einfinden - wir, die versammelten Opfer der Baupolitik; wir, die Protagonisten des Scheiterns, die Praktiker des Als-ob in einer fiktiven städtischen Mitte.

Unter dem Pflaster der Strand - diese utopische Parole des Pariser Mai setzt die intakte Metropole voraus. Auf der Stadtbrache der Berliner Mitte können solche Sätze nicht wachsen. Statt dessen haben wir Sprachschichten: unter den Superlativen die Pejorative. Die Vision der Metropole wird ebenso gnadenlos beschworen, wie ihre ersten Realisierungen verworfen werden. Natürlich fehlt der Architektur der Friedrichspassagen alles, was die Gebetsmühle der urbanistischen Werte verlangt: Kleinteiligkeit, Gliederung, Maß. Die Kritik ist berechtigt. Aber ist auch das masochistische Selbstbewußtsein der Berliner berechtigt, daß diese ersten Übungen der Investoren mit den Grundstücken der Mitte schon als "Berliner Architektur" akzeptiert?

Es gibt in dieser Stadt nicht nur die klammheimliche Freude am Scheitern der Einheit, sondern auch die klammheimliche Freude am Scheitern der Stadtplanung. Da wird der Geschäftsleitung der Galeries Lafayette vorgehalten, daß sie Potemkinsche Dörfer inszeniert. Der Hinweis auf die 100 000 Quadratmeter unvermieteter Geschäftsräume darf nicht fehlen. Da wird hämisch notiert, daß sich das Modeangebot nicht an der Rive gauche, sondern an Peek & Cloppenburg mißt. Gewiß, gewiß. Aber jede Kritik wird zur rechthaberischen Litanei, wenn das Augenmaß abhanden kommt.

Der Städter lebt nicht von der Architekturkritik, sondern in der Geschichte seiner Stadt. Und die Friedrichstraße ist weniger Dokument der Stadtplanung, sondern Sediment einer Geschichte, die rasend schnell vorüberging - die Geschichte der Zwischenzeit. Hier amalgamierte sich sozialistische Flächenbewirtschaftung mit der kapitalistischen Gier nach den Ia-Lagen der künftigen Metropole. Die Investoren waren die wahren Mythomanen, die Träumer der Mitte.

Mit anderen Worten: Die Architektenmonumente zeigen auch die Ironie der Stadtentwicklung. Vielleicht lernen wir sie zu lesen, in späteren Zeiten. Was sie produzierten, ist eine großstädtische Straßenschlucht, die nirgendwo angebunden ist an die Stadt. Selbst der schönste Platz Berlins - der Gendarmenmarkt nebenan, der nun wahrlich als architektonisches Kleinod gilt - ist bis heute noch nicht von der Stadt angeeignet. In einen Zentrum, das neu besiedelt, ja überhaupt erst neu begründet werden muß, fehlen eben die wirklichen urbanen Maßstäbe. Menschenströme, Treffpunkte, Orte, wo sich die Städter selbst darstellen, können von Architekten nicht erfunden werden. Sie wachsen.