ARD, Sonntag, 18. Februar: "Tatort"

Man freut sich ja fast auf die Klischees, die beim Krimi dazugehören, und ist doch hochbeglückt, wenn es ein "Tatort" schafft, ganz ohne auszukommen. "Schneefieber" von Fred Breinersdorfer entwickelte die Geschichte um einen Bahn-Erpresser und seine Komplizen ganz von innen heraus, ohne Effekte und knallige Actions, ohne extreme Schauplätze und exotische Schurken: bescheiden aus der Perspektive des Klein-Kleins polizeilicher Ermittlungen. Und doch hielt die Spannung, ja, sie lud sich Szene für Szene neu auf und stieg dabei allmählich; dazu war nicht mehr nötig, als die absolute Konzentration der Verbrecher und ihrer Jäger auf Tat und Täter.

Es gab keine Nebenhandlungen, keine Materialschlachten und keine falschen Spuren - nur Menschen, die konfligierende Ziele verfolgten und das durch hastige, unbedachte, heimliche, mutige, fiese Handlungen kundtaten. Und durch Blicke. Erschrockene Blicke, lauernde Blicke, werbende Blicke, drohende Blicke, bittere Blicke. "Schneefieber" war ein Gesichter-Film, er ließ die Spannung konstant da, wo sie entsteht: in Psyche und Mimik.

Nächtliche Observationen, Gerichtsszenen und eine Verfolgungsjagd im Schnee gab's auch - aber die waren nur die Folie für das TV-Theater der Gesichter - wunderbar aufgeführt von Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal, von Anne Kasprik, Christina Plate, Jörg Schüttauf und Günther-M. Halmer, in schöner Ruhe und mit Freude am Portrait inszeniert von Peter Schulze-Rohr.

"Schneefieber" führte den Wettkampf zwischen den Gangstern und der Polizei im Schrittempo, sozusagen zum Mitgehen, vor - und das hatte etwas ausgesprochen Erfrischendes. Das Auge und das Hirn, sie funktionierten wie zum ersten Mal und freuten und erholten sich dabei. Man merkt angesichts eines solchen Films, wieviel Quasispannung und pseudodramatisches Getue man als Zuschauer vom Fernsehen und insbesondere vom Fernsehkrimi gewohnt ist, man spürt, daß man ein eigenes Organ entwickelt hat, mittels dessen man all die Zumutungen an den Verstand laufend aus dem Seh-Erlebnis herausfiltert, um überhaupt vor dem Kasten sitzen bleiben zu können, und wie froh man ist, wenn man diese Extraanstrengung nicht mehr leisten muß, weil da ein Film mal nicht blufft und flu nkert, sondern zeigt, was zu zeigen ist, Punktum. Wenn er das auch noch wie "Schneefieber" in verständig komponierten, reizvollen Bildern und zu einer Musik tut, die man tatsächlich anhören kann, dann ist man, wie gesagt, hochbeglückt.

Der "Tatort" ist lange schon ein unbestrittener Programm-Lichtblick im Ersten. Neuerdings gelingen in dieser Reihe immer häufiger jene seltenen Kunststücke, in denen sich ästhetischer Ehrgeiz mit populärem Genre verträgt und die so Publikums und Kritikererfolge einheimsen. Fernsehen hat keine Wahl: Es muß zur Prime time populär sein. Der "Tatort" zeigt, daß dieses Ziel erreicht werden kann, ohne daß der Verzicht auf formale Anstrengung und Neuerung die letzten Fans des Qualitätsfernsehens in die Verzweiflung treibt.

Dafür sind keine exorbitanten Budgets nötig - es genügt der Entschluß, die alten Klischees beiseite zu räumen und Bilder und Dialoge statt aus dem Fundus aus der Story zu holen. Wenn dann noch Ulrike Folkerts mitspielt, kann nichts schiefgehen.