Der Kirschgarten, der berühmte Kirschgarten! Wahrscheinlich ist er die einzige Attraktion in diesem tristen russischen Gouvernement. Jedenfalls muß er riesengroß sein und über die Maßen schön - weshalb er sogar in der Enzyklopädie ausdrücklich erwähnt wird. Leider ist der Kirschgarten (wie fast alles Schöne) auch ein bißchen unnütz: trägt nur noch jedes zweite Jahr Früchte, für die es auch keine Käufer mehr gibt. Zeit, dieser unprofitablen Pracht ein Ende zu machen! Zeit für die Holzfäller!

Doch noch einmal steht der Kirschgarten in sinnlos schneeweißer Blüte. Wenn Anton Tschechows letzte Komödie beginnt, ist es Mai, der russische Winter endlich vorbei. Das Schöne ist unnütz geworden, aber das Theater bereitet ihm vor dem Untergang ein letztes Fest. Im ersten Akt geht die Sonne über dem Kirschgarten auf, im zweiten Akt der Mond. Im dritten Akt (der Kirschgarten ist schon verraten und verkauft) feiern die Bankrotteure, die Kirschgartenmenschen noch einmal ein Fest. Erst im vierten und letzten Akt kommen die Holzfäller.

Peter Zadek, den düsteren Mauern des Berliner Ensembles glücklich entkommen, hat nun im Akademietheater der Wiener Burg Tschechows Abschiedskomödie inszeniert. Der letzte Sommer des Kirschgartens ist auch in seiner Inszenierung ein Fest geworden, wahrscheinlich das tollste dieser ganzen Saison. Aber es beginnt erst einmal mit einer Ernüchterung.

Als große Tschechowsche Trauermusik hat Rudolf Noelte das Stück inszeniert (München, 1970), als schwereloses Vaudeville Peter Brook (Paris, 1981). Mit einem lichttechnischen und choreographischen Wunderwerk, mit einer Schönheitsorgie hat Peter Stein 1988 den Kirschgarten und alle Schaubühnenkunst gefeiert.

An einem ästhetischen Wettstreit mit seinen ruhmreichen Vorgängern ist Peter Zadek nicht im geringsten interessiert. Von Karl Kneidl hat er sich ein Bühnenbild bauen lassen, das sich dem Betrachter nicht aufdrängt, sich eher vor ihm versteckt. Das berühmte Kinderzimmer der Ranjewskaja: ein auf den ersten Blick vollkommen harmloser, reizloser Raum, aus drei Stellwänden und ein paar kargen Möbeln verfertigt. Ein Bild, wie von einer bescheidenen Kinderzeichnung inspiriert. Oder auch: wie für ein bescheidenes Tourneetheater in der russischen Provinz gemacht.

Oben auf dem Kleiderschrank stehen eine kleine Puppe und ein großes weißes Porzellanlamm. Hoch oben an der Wand hängen, wie von aller Welt vergessen, ein paar Kinderzeichnungen, einige schon halb abgerissen. Wenn die Sonne aufgeht, wird man im Fenster die berühmten Kirschbäume sehen, aber natürlich nicht wirklich: bloß eine rührende, ungelenke Kindermalerei auf einem Theaterprospekt.

Und die Menschen, die nun gleich in großer Zahl die Bühne bevölkern werden, sehen diesem Bühnenbild ähnlich: unauffällig, alle ein bißchen abgenutzt. Und die Geschichte, die sie uns vorführen werden, wird, wie jede gute Tschechow-Geschichte, erst einmal eine langweilige Geschichte sein.