Seine Botschaft ist simpel, seine Stimme sanft, seine Worte sind feurig. Sie entfachen Emotionen, Ängste und Aggressionen: "Kehrt zurück zu den Wurzeln, wenn ihr wachsen wollt. Reißt sie nicht aus. Tut ihr es dennoch, dann müßt ihr Unterjochung und Demütigung ertragen." Wenn der 69jährige Chef der islamistischen Wohlfahrtspartei (Refah) nach zähen Koalitionsverhandlungen nun mit der rechtskonservativen Mutterlandspartei die Regierungsgeschäfte der Türkei führen wird, dann ist es seine oft wilde Rhetorik, die viele auch im Westen in Angst versetzt. Wird er das Land Atatürks von seiner jahrzehntelangen Europa-Orientierung wegreißen und statt dessen in der islamischen Welt verankern?

Doch Necmettin Erbakan, von seinen Anhängern ehrfurchtsvoll Necmettin Hoca (Meister) genannt, ist ein Realist und Pragmatiker. Er hat in der Vergangenheit bewiesen, daß er demokratische Spielregeln achtet, daß seine Wahlpropaganda nicht identisch ist mit seinen Taten. Erbakan ist ein Meister medienwirksamer Formulierungen. Aber spätestens seit dem spektakulären Erfolg seiner Partei bei den Regionalwahlen 1994 ist den nichtislamistischen Parlamentsabgeordneten nicht mehr zum Lachen zumute, wenn der Islamistenführer ans Rednerpult tritt.

Der pausbäckige, untersetzte Maschinenbauingenieur, der sich entgegen fundamentalistischer Manier glattrasiert, einen weißen Schnurrbart trägt und farbige Krawatten liebt, zählt zu den "Dinosauriern" der türkischen Politik. Mit ungeheurer Zähigkeit hat er die Turbulenzen des öffentlichen Lebens überstanden.

Erbakan wurde 1926 als Sohn eines osmanischen Richters in Sinop am Schwarzen Meer geboren. Er war ein brillanter Student und engagierte sich früh in islamistischen Bewegungen. Nach hervorragendem Examen an der Technischen Universität von Istanbul setzte er seine Studien 1951 und 1952 in Aachen fort. 1953 trat er als jüngster Universitätsprofessor in der Türkei seinen Dienst an. Doch es zog ihn wieder nach Deutschland, und sechs Monate lang beteiligte er sich bei den Deutz-Werken auch an der Entwicklung des Leopard-Panzers.

Schon früh setzte sich Erbakan für die Idee der technologischen Unabhängigkeit seines Landes vom Westen ein und gründete die Firma Gümüs Motor, die Automotoren und Wasserpumpen produzierte. Doch das Projekt schlug fehl. So begann der ehrgeizige junge Mann 1968 seinen politischen Marathon. Damals belief sich sein Privatvermögen auf 148 Kilogramm Gold. Heute verfügt er nach eigenen Angaben über ein Vermögen von 421 000 US-Dollar, 532 000 Schweizer Franken und 611 000 D-Mark. 1969 gründete er die Partei der islamisch-nationalen Ordnung, die 1971 verboten wurde.

Zwei Jahre später übernahm er die Führung der Islamischen Heilspartei und beteiligte sich dreimal an Koalitionsregierungen. Als Vizepremier unter dem Sozialdemokraten Ecevit trug er 1974 die Entscheidung zur türkischen Invasion Zyperns mit. Nostalgie für osmanische Größe ist auch Erbakan - wie vielen Türken - nicht fremd. Auch er zählte, wie andere Politiker der alten Garde, zu den Opfern der Militärs, die 1980 die Macht an sich rissen. Er wurde inhaftiert, konnte erst 1987 wieder auf die politische Bühne zurückkehren und schließlich an die Spitze der Refah treten. Seine straffe und autoritäre Führung schweißte dieses Sammelbecken diverser islamischer Strömungen zu einer Partei zusammen.

Seine Gegner verbreiten von ihm das Bild eines islamistischen Feuerkopfes. In Wahrheit führt Erbakan keineswegs das Leben eines eifernden Fundamentalisten. Als seine Tochter 1994 im Istanbuler "Sheraton Hotel" ihre Hochzeit feierte, empörten sich fanatische Islamisten über diesen "Jet-set". Politisch steuert Erbakan seine Partei auf einem pragmatischen Kurs. Er verjüngte sie, indem er Technokraten und erfolgreiche Geschäftsleute zu führenden Funktionären machte. Er setzt sich auch für eine Neuinterpretation des Korans "in Einklang mit den Realitäten der modernen Welt" ein.