Am Abend des 18. Februar schlendern wir durch Hamburg, Stadtteil Harvestehude, kommen an, nun ja, unserer Kirche vorbei, das Leuchten zweier Lampen am Eingang lädt ein ins evangelisch-lutherische Gotteshaus. Aber natürlich, Luthers Todestag, der 450.! Roman Herzog in Eisleben und wir in Hamburg, ein Bugenhagen-Denkmal in der Nähe!! Hinein in die St. Johanniskirche, und nicht gewundert über das Musikgesäusel, denn gleich muß es doch losgehen, hereinbrechen über die kleine Schar der hier Versammelten: Luther total, gelesen, gesungen, gemurmelt, geschrien - so, wie man es am Bloomsday in Dublin macht, mit James Joyce, Tag und Nacht und dazwischen. Wir holen tief Luft, um notfalls mitzusingen, und das war nicht schlecht, aber trotzdem falsch. Denn ein Herr, der die Anwesenden zum Meditationsgottesdienst begrüßt, bittet nun zu Atemübungen näher zu treten, einen Kreis zu bilden. Wir atmen aus und fragen: Luther? Den gab es morgens im 10-Uhr-Gottesdienst. Wir verlassen die Kirche, esoterisch berieselt, fragen uns, ob wir die Krankengymnastik vielleicht am falschen Ort betreiben, da sehen wir, nach Hause zurückgekehrt, im Fernsehen, daß Hamburgs Kirchen noch ganz andere Dinge zu bieten haben. Bier und auch ein paar milde Drogen, 150 Rhythmusschläge pro Minute und Laserkanonen, Diskjockeys und 2500 junge Leute auf der Tanzfläche über den Kirchenbänken von St. Katharinen. In Hamburgs evangelisch-lutherischen Kirchen, so sieht man, kann jedem zeitgeistlich geholfen werden, besonders denen, die etwas mehr Bewegung brauchen. Scheinheilig Das Landeskirchenamt in Hannover mag den Göttinger Theologen Gerd Lüdemann nicht mehr als Prüfer für das erste theologische Staatsexamen zulassen. Er habe in einem Interview mit den Evangelischen Kommentaren der Kirche "Scheinheiligkeit" vorgeworfen. In Hannover scheint man zu glauben, man wäre bereits die "Gemeinschaft der Heiligen". Das ist, so lehrt nicht nur christliche Demut, das sicherste Erkennungszeichen für eine Versammlung von Scheinheiligen. Luther, der founding father auch des Landeskirchenamtes in Hannover, soll von der Kirche als der "schlimmsten Sünderin" gesprochen haben. In Niedersachsen hat man seit Luthers Tod offenbar gewaltige Fortschritte gemacht. Einer stammt vom November 1995. Damals beschloß das Kollegium der Göttinger evangelisch-theologischen Fakultät, ein im vorigen Jahrhundert bereits bewährtes, zwischenzeitlich abgeschafft gewesenes, Gelübde wiedereinzuführen. Bei der Habilitation erklärt der Wissenschaftler nun: "Ich verpflichte mich, die theologischen Wissenschaften in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der evangelisch-lutherischen (bzw. der evangelisch-reformierten Kirche bzw. der evangelisch Kirche, der ich angehöre) aufrichtig, deutlich und gründlich vorzutragen." Was ist das für eine Wissenschaft, die gelobt, an keinem Dogma zu rütteln? Sind die Lehrstühle der Universitäten staatlich finanzierte Organe einer evangelischen propaganda fidei? Ist das Rechtens? Kann eine Fakultät einfach einen Beschluß fassen, der den Glauben an die Stelle der Wissenschaft setzt? Hat das sozialdemokratische Kultusministerium in Hannover sein Einverständnis zu diesem Beschluß gegeben?

Ein Gnom, 1,82 Meter groß. Ein nobler, schlanker Mann bis ins hohe Alter, der sich als Schauspieler besonders gern in die kleinen Leut' krümmt, in die getretenen Kreaturen, die vom Leben Verstoßenen. Eine hohe Krähstimme, Schrecken jeder Schauspielschule - und doch hat der Mann mit Erfolg die Hauptrolle in Musicals gesungen, den Sprach-Kauz-Professor Higgins in "My Fair Lady", den verliebten, traurigen Don Quichotte im "Mann von La Mancha". Ein Flüster-Riese, ein Tränen-Drücker, ein melancholisches Lächel-Baby, dem die Herzen, nicht nur der Frauen, zufliegen. Priester soll er werden, der am 21. April 1913 als Sohn eines Straßenbahnfahrers und einer Milchfrau in Wien geborene Josef, den die Freunde bis ins Greisenalter Pepi nennen. Also zieht er nach Katzelsbach ins Seminar der Redemptoristen - steigt aber bald aus. Und wird doch - auf der Bühne, im Film, im Fernsehen - Priester: "Pater Brown" (eine Serie in 38 Folgen), Vikar, Kardinal, Papst. Er hat sie fast alle gespielt, die berühmten Raimund- und Nestroy-Rollen des Wiener Volkstheaters, manchmal ein bißchen zu lieb, wie sein Wesen war, nicht so gallig bös und bitter wie die beiden Dramatiker als Schauspieler selber. 7228mal stand er auf der Bühne. In 56 Kino- und 64 Fernsehfilmen hat er mitgespielt ("Sissi", "Kaiserwalzer", "Die Deutschmeister"). Vor Jahren erkrankte er an Krebs. Jetzt hat die Krankheit ihn eingeholt, den Schauspieler Josef Meinrad, der in der Nacht zum 18. Februar auf seinem Bauernhof in Großgmain bei Salzburg gestorben ist, 82 Jahre alt.