BONN. - Lieber deutscher Freund, Sie wissen vielleicht nicht, daß die Algerier eine hohe Meinung von Deutschland und den Deutschen haben. Sie haben sich an der Entwicklung Algeriens beteiligt, und viele von Ihnen haben sich für unsere Unabhängigkeit eingesetzt. Niemand von uns hat auch vergessen, daß Deutschland zwischen 1954 und 1962 algerische Widerstandskämpfer aufgenommen und geschützt hat.

Die tragische Krise, die heute Algerien erschüttert, hat eine Welle politischer Flüchtlinge in Ihr Land getragen. Ich weiß, wie hoch Sie den Schutz der Minderheiten und der Verfolgten halten. Die Deutschen können stolz sein auf ein Ideal, das alle freien Völker teilen.

Leider finden sich jedoch unter den Flüchtlingen auch solche, die von deutschem Boden aus den Mord an anderen Algeriern fordern. Sie rechtfertigen diese Morde an Kindern, Frauen, Bürgern, Führungskräften, Journalisten und Intellektuellen damit, daß sie Gegner des gegenwärtigen Regimes sind. Die Freizügigkeit, die ihnen zuteil wird, erlaubt es ihnen auch, von deutschem Boden aus terroristische Netze innerhalb und außerhalb Algeriens zu führen. Der Zugang zu den Medien hat ihnen Gelegenheit gegeben, ihre Thesen vor aller Öffentlichkeit darzulegen. Mich und meine algerischen Freunde beunruhigt, daß sie dies so unbehelligt tun können!

Mir scheint, daß manche Politiker und Journalisten hier einen gewissen Zynismus entwickelt haben und glauben, die islamischen Fundamentalisten würden eines Tages ohnehin in Algerien an die Macht gelangen. Sollen sich die Algerier doch zu Hause gegenseitig umbringen und ihr Land dem Erdboden gleichmachen. Was geht das die Deutschen an?

Kürzlich hat ein Vertreter der islamischen Heilsfront FIS, die finanzielle und militärische Hilfe aus dem Iran und dem Sudan bekommt, den Deutschen im Fernsehen mit Repressalien gedroht. Auch aus diesem Grunde bin ich davon überzeugt: Deutschland begeht einen historischen Irrtum, wenn es zuläßt, daß sein Territorium für die Vernetzung von terroristischen Gruppen mißbraucht wird mit dem Ziel, Algerien zu zerstören. Es ist das gute Recht Deutschlands, Menschen, die aufgrund ihrer Überzeugung oder ihres Glaubens verfolgt werden, aufzunehmen und zu schützen.

Aber diejenigen, die in Deutschland als Auftraggeber oder Komplizen bewaffneter Gruppen auftreten, gehören nicht einer nationalen Befreiungsbewegung an, sondern einer fundamentalistischen Gruppierung, die entschlossen ist, die Macht zu ergreifen. Ich möchte Ihnen das Problem mit einer rhetorischen Frage vor Augen führen: Sähen Sie es gerne, wenn Deutschland eines Tages durch eine fundamentalistische oder faschistische Partei regiert würde, selbst wenn sie durch allgemeine Wahlen an die Macht gelangte? Sicher nicht. Trotzdem nimmt Deutschland heute Vertreter einer Bewegung auf, die durch ihre Reden und Praktiken an die Nazis erinnern.

Diese islamischen Fundamentalisten, die sich an einem unschuldigen Volk rächen wollen, das ihnen in ihrem Wahnsinn nicht folgen möchte, berufen sich ganz zu Unrecht auf den Islam. Ihre barbarischen Praktiken haben nichts gemein mit dem islamischen Glauben.