Caspar Selg entfährt ein tiefer Seufzer. Der stellvertretende Informationschef des Schweizer Radios und an diesem Tag zuständige Redakteur für das "Echo der Zeit" muß "einen hervorragenden Beitrag" über Palästina von zwölf auf acht Minuten kürzen. Auf acht Minuten kürzen? Da hört mancher Radiokundige verdutzt zweimal hin. Denn wo gibt es das noch: achtminütige Rundfunkbeiträge?

Beim "Echo der Zeit" zum Beispiel, jenem täglichen Informationsprogramm, das sich hartnäckig dem Trend zu Artikelschnipseln, Soundbits und Bildflashs entgegenstemmt. Und damit unlängst unter großem Applaus fünfzig Jahre alt geworden ist.

Von außen verströmt das nüchterne Bürohaus in der betulichen Schweizer Bundesstadt Bern nicht unbedingt den Hauch von großer weiter Welt. Hie und da zuckelt eine grüne Straßenbahn vorbei; ringsum gesichtslose Wohnblocks und öde Verwaltungsgebäude.

Doch just hier, im Radiostudio Bern, wird jene Sendung produziert, die so viele andere Radioschaffende gerne machen würden: qualitativ hochstehend und trotz dieses Anspruchs nicht auf irgendwelche obskuren vierten oder fünften Kanäle für Minderheiten verbannt.

Die Gefahr, daß auch dem "Echo der Zeit" ein solches Schicksal irgendwann einmal widerfährt, ist gering. Die helvetischen Radiogewaltigen sind nämlich stolz auf ihr Paradepferd. Es wird deshalb - zeitverschoben - gleich auf allen drei nationalen und werbefreien Kanälen DRS 1, DRS 2 und DRS 3 ausgestrahlt. Zusammen erreichen sie trotz aller Lokalradiokonkurrenz noch einen stattlichen Marktanteil von fünfzig Prozent. Rund 325 000 Zuhörer führen sich allabendlich die 45 "Echo"-Minuten zu Gemüte. Gemessen an deutschen Maßstäben nimmt sich das bescheiden aus; angesichts der bloß gut vier Millionen Deutschschweizer als potentielles Publikum ist die Zahl hingegen beeindruckend.

Noch immer gibt es Familien, in denen das "Echo der Zeit" feierlich wie ein kirchlicher Gottesdienst "zelebriert" wird. Sobald die Pieptöne des Zeitzeichens verklungen sind und es aus dem Lautsprecher tönt: "Schweizer Radio DRS 1, Echo der Zeit, die Schlagzeilen . . .", herrscht Stille am Eßtisch. Nüchternheit, Sachlichkeit und Kompetenz zeichnen die Sendung aus. Leichte oder humorige Beiträge sind zwar nicht völlig tabu - "auchMichael Jackson oder Lady Di dürfen bei uns mal vorkommen" (Selg). Aber sie bleiben die Ausnahme.

Diese Ausrichtung hat Tradition in der Eidgenossenschaft: Erstens rühmt sich die Schweiz mit der Neuen Zürcher Zeitung des kleinsten, aber nach verbreiteter Ansicht feinsten deutschsprachigen Weltblatts. Zweitens leisten sich hier selbst Regionalgazetten mit weniger als 50 000 Exemplaren Auflage einen soliden Auslandsteil. Drittens schließlich hielt schon vor mehr als einem halben Jahrhundert das damalige Radio Beromünster die Standarte des Qualitätsrundfunks hoch. Tausende von Deutschen hörten in dieser Zeit illegal dessen Programm, um dem gleichgeschalteten Nazi-Rundfunk zu entgehen. Die "Weltchronik" des legendären Historikers Jean Rodolphe von Salis gilt bis heute als Keimzelle des späteren "Echo der Zeit".