Thalia Theater, Hamburg. Die Grundfarbe der Bühne ist Schwarz. Zwei Sitzgelegenheiten (Modell "Gesundheitsamt Wandsbek 1955") stehen grau herum. Der Tisch dazwischen sticht grellbraun ins Auge. Der Hauptdarsteller trägt Grau und Schwarz. Er ist seit über zwanzig Jahren nicht mehr aufgetreten. Sein Stehpult ist schwarz, sein Vortrag grau. Nach einer Viertelstunde findet die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums in gelassen gleichmäßigem Husten ihren angemessenen Ausdruck. Der Text ist ein feiner und würdiger; es tritt darin manch "feiner und würdiger älterer Herr" auf, um wahr zu sprechen. Das dem Tonfall angemessene respekt- und geschmackvolle Blumengesteck aufzustellen (Arrangement "Schulaula, Abiturentlassungsfeier 1955") hat die Theaterleitung verabsäumt.

Peter Handke liest seinen heißumstrittenen Text "Gerechtigkeit für Serbien". Aber das ist ja nicht so wichtig. Thema ist der Bosnienkrieg, der Tausende und Abertausende von Menschenleben gekostet hat. Aber das ist ja am allerunwichtigsten, spielt doch gerade Peter Handke seine beste Rolle: Peter Handke. Tausend Zuschauer besichtigen einen Dichter, der von seinem Lieblingszustand der "Fastergriffenheit" zu ihnen spricht, von seiner Sehnsucht nach "Urschrei", "Glücksrausch", "klarem Wissen der Wahrhaftigkeit" und heftigem Schneesturm. Und sie lassen sich von seinem Wortnebel in einen Zustand der Mehralsfastlähmung versetzen, der nur noch zu höflichem Applaus und verhaltenem Schnarchen als offenherzigster Gefühlsäußerung berechtigt.

Der erste Spannungsmoment des Abends: Ein Hörfunkreporter spult laut quäkend sein Tonband zurück.

Nach dem Vortrag wird Jürgen Busche, der bei der Süddeutschen Zeitung für den Ankauf des Handke-Textes mitverantwortlich war und heute Chefredakteur der Berliner Wochenpost ist, den Dichter innig befragen und sich lautstark an einer Handke-Kritik nicht beteiligen wollen. Das Publikum wird Busches Bankrotterklärung als Journalist und Kritiker mit Schweigen quittieren und applaudieren, damit es gehen darf. Ein dicht zusammengeballter Photographenklumpen wird sich von rechts an die Rampe heranrobben, und es wird blitzen.

Aber da wird schon alles vorbei sein. Und es wird nicht gedonnert haben.

Die ganze Veranstaltung macht den Eindruck, als wachten in den Seitengassen und vor dem Zuschauerraum zahllose Aufpasser darüber, daß jener Streit um Handkes Text nicht entsteht, den das Publikum in seliger Duldungsstarre gar nicht erst aufkommen zu lassen wild entschlossen ist. Denn das Publikum ist klug und weiß, daß man den Lehrer brav ausreden lassen muß, damit man gleich beim Klingeln schnell auf den Schulhof darf.

Was also war? Nichts war. Vielmehr, das war: das Nichts. Aus dem Bühnengrau wird echtes Grauen. Schwarze Nebel fallen. In ihnen: Der Auftritt des trotzig vergreisenden Dichterjünglings, monoton seinen Ruhm verteidigend. Das Politische suchend und in ihm nichts als seinen eigenen, alles übertönenden Geltungsdrang findend. Hat Peter Handke sich nicht ganz Serbien samt seiner nach Bosnien ausgelagerten Massengräber mit der Feder einverleibt und es mit Wald und Flur in zartes, massengräberfernes Handkeland verwandelt? Wird er so nicht weiterschreiten durch die ganze Welt, bis auch sie, bis alles nur noch Handke ist? Um uns in immer neuen Lesungen davon zu künden, noch lähmender, noch selbstgerechter?