Da, wo sich am Abend Fuchs und Hase grüßen, wo sich, wie es heißt, Unterhaltung aufs Hörnerblasen grünverkleideter Männer beschränkt, kann man zuweilen, in den größeren Dörfern und kleineren Städtchen, Sachen finden, die gibt es gar nicht - nicht mehr. An zugigen Ecken, zwischen Sparkasse und Eichenschnitzmöbelgeschäft, murkelige Eingänge unter ziemlich traurig leuchtenden Reklamen: "Gloria" steht da oder "Astoria-Kinothek" oder "Cinema" - das soll nach Metropole klingen, nach weiter Welt, und wirbt, wie ebendort, für James Bond Nullnullsieben und Pocahontas, für Abenteuer mit Michelle Pfeiffer und Herrn Schwarzenegger, Terminator eins und zwei und drei.

Im Lauf der Zeit blieb man zu Hause, die Filmtheater starben vor sich hin. Das hat sich - in den großen Städten - offenbar geändert. Da mutieren Schuhschachteln ("Gemeinschaftsfernsehzimmer") wieder zu richtigen Kinos. Man läßt sich wieder sehen, wenn man was sehen geht, kauft vorher im prächtigen Foyer, einer Art überdachter Piazza, an der Bar eine Cola, ein Bier oder echtes - gesalzenes! - Popcorn und versinkt danach, von dröhnender Werbung überfallen, im - wieder - plüschigen Klappsessel.

Diese Welle leckt, in schmalen Zungen, auch aufs Land. Es kommt vor, daß man sich in einer Schlange vor der Kasse gedulden muß; daß das kleine, etwas muffige Foyer gerammelt voll ist; es riecht nach, ja, Popcorn: Kino. Es sieht auch manchmal alles so aus wie in der großen Stadt. Der Zeitgeist weht den üblichen Akustikschrott in die Besucherohren, bis die Vorführung beginnt.

Gelegentlich aber findet man sich ganz und gar woanders. Keine Supermarktmusik, kein schnarrender Kassencomputer; das Geld verschwindet in einer ordinären Schublade, die Eintrittskarten liegen auf dem Tisch parat, Schokoriegel und Erdnußtütchen unter Glas. Dann öffnet sich die Doppeltür zum Saal - und man erstarrt, fühlt sich plötzlich und tatsächlich "wie im Kino". Ein Licht wie Weihnachten. Lauter kleine gelbliche Lämpchen leuchten auf kleinen Tischchen, vor je zwei Sitzen eines. Ein Tischlampensee, in Reihen sortiert und durch zwei nach vorn führende Gänge gedrittelt. Getuschel, Flüstern, es sind Leute da; es ist kein Traum, kein Film - der fängt gleich an, es ist alles wirklich und riecht nach Bonbons, Bier und Kaffee. Neben jedem Lämpchen prangt ein Schalter: Die Klingel ruft den Kellner. Und dann liegt auf dem Tischchen noch ein Stück Papier. "Herzlich willkommen" steht da, und man dürfe, wenn man möge, rauchen: "Sie finden vor sich einen Aschenbecher."

Wir haben in diesem Verzehrkino den Film "Der kleine Indianer im Küchenschrank" gesehen und wußten hinterher nicht, was uns mehr betört hatte: der Film - ein ausgewachsenes Märchen, das Erwachsene ebenso ins Leben zaubert wie die darin auftretenden Spielzeugfiguren, oder der Ort, der mich an einen Besuch in England erinnerte. Vor Jahren, als Zigaretten noch in Zehnerpäckchen verkauft wurden, war ich dort einmal im Kino gewesen: Sie hatten da so kleine Aschenbecherchen wie in der Eisenbahn, an die Lehnen der jeweils vorderen Sitze geschraubt, und die wurden benutzt.

Es ist, als hätte ein großes Kind, ein kleiner Riese eine Kino-Erinnerung in ein kleines Schränkchen gestellt, die Tür zugeklappt, den besonderen Schlüssel umgedreht, wieder aufgeschlossen und die Tür geöffnet: ein Wunder! Man kann auf einmal die Erinnerung betreten, und sie funktioniert.

Wären nun auch noch die Filme in der Regel besonders, bemühte man sich im "Gloria" (in Rotenburg an der Wümme) nicht nahezu ausschließlich (gelegentliche Ausnahmen bestätigen die Regel) mit dem üblichen Hollywoodmassenbildermüll um das wieder geneigtere Publikum - die Wirklichkeit gliche dem Traum aufs Haar.