Die Dichterin sitzt an der Schreibmaschine und redigiert ihren Text. Sie schreibt Schundromane, unter dem Pseudonym Amanda Gris. Im wirklichen Leben trägt sie einen Männernamen, Leo. Ihre Stiefel drücken. Ihr Mann Paco hat sich für die Uno nach Bosnien schicken lassen, um seinem Ehekrieg zu entkommen. Die engen Stiefel sind ein Geschenk von ihm.

Die Dichterin trinkt heimlich. Sie will keine Liebesromane mehr schreiben. Marisa Paredes als Leo weint viel und jedesmal anders; sie ist elegant und zum Verzweifeln komisch, nervös und erhaben, resolut und schwach. Eine schöne Frau um die Fünfzig: ein viel zu seltener Anblick im Kino der Teenies und Kids.

Leo will sich der Stiefel entledigen. Aber sie braucht fremde Hilfe dafür und muß, ihre Einsamkeit unter einem häßlichen Hut und großen Brillengläsern verbergend, quer durch die Stadt eine Freundin aufsuchen, damit die ihr die Schuhe auszieht. Eine verzweifelte, lächerliche Einsamkeit. "Mein blühendes Geheimnis" erzählt von nichts anderem: vom Schmerz und wie eine Frau ihn aushält.

Eigentlich wollte Pedro Almodóvar einen Film über seine Mutter drehen, weil ihn die Mitteilung erschüttert hatte, daß sie seit ihrem dritten Lebensjahr bis zu seiner Geburt wegen der vielen Sterbefälle in der Familie immer nur Schwarz getragen hatte. Seine Pop-art-Filme über all die Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs sah er plötzlich im Licht der Trauer seiner Mutter - und mutmaßte, daß er, der Sohn, samt seinen schrillen Heldinnen die mütterliche "Rache gegen Schwarz" verkörperte.

Statt seine Mutter vor die Kamera zu setzen, hat Almodóvar die Geschichte von Leo verfilmt. Auf der Fahrt ins Heimatdorf im ländlichen La Mancha sitzt deren Mutter (Chus Lampreave als betörende Nervensäge) neben der Tochter, in Schwarz, mit dunkler Brille und einem Kochtopf voll Tortilla auf dem Schoß. Sie sagt ein Gedicht auf. Die Frauen im Dorf, das ist heilsam für Leo, sitzen im Freien, klöppeln und singen dazu, aber vorher einigen sie sich schwatzend auf das Lied. Der Schwatz läßt Sentimentalität gar nicht erst aufkommen. Die Sehnsucht, erinnert sich Alomdovar an seine Kindheit in La Mancha, heftete sich an den leeren Horizont über den ausgedörrten Feldern.

"Mein blühendes Geheimnis" schildert das Leben einer verzweifelten Frau als schlingernde Irrfahrt zwischen Selbstbetrug, Suizidversuch und Selbstbehauptung, als mal heiteres, mal mühseliges Spiel mit abgelegten, geborgten und neu erprobten Identitäten. Dabei rührt Almodóvars Film, indem er das Lächerliche am Liebeskummer nicht scheut und dennoch nicht ins Hysterische kippt. Schon der Slapstick mit den Stiefeln macht Leos Dilemma zur körperlichen Erfahrung: Sie steckt fest in ihren Lebenslügen.

Die Kamera, Leos Komplizin, hilft ihr beim Suchen und konfrontiert sie, auf den Stationen der Reise, mit Menschen, die ebenfalls nicht sind, was sie scheinen. Jeder ein Fake der eigenen Person, ausgestattet mit Doppelleben und einer heimlichen Obsession. Angel, der Literaturredakteur von El Pais (Juan Echanove als bekennender Alkoholiker), schwärmt für Hollywood-Filme und Amanda Gris. Nichtsahnend überredet er Leo, das Werk ihres Pseudonyms zu verreißen - und liebt fortan beide. Die nierenkranke Haushälterin entpuppt sich als begnadete Ausdruckstänzerin; die unentwegt mit der Schwester keifende, halbblinde Mutter erweist sich als umsichtige Lebensretterin; und der Flamenco, der Leos Kummer in gestische Ekstase übersetzt, wird nicht von leidenschaftlichen Partnern getanzt, sondern von Mutter und Sohn. Nicht Leo schreit auf, sondern die Kandidatin eines Schreibwettbewerbs in der Fernsehshow. Ihr Notizbuch fungiert als Flachmann, und der Palmenstrand ist nur eine Phototapete in einer billigen Eckkneipe.